Bis auf die Knochen

Jürgen Goschs ziviles Vermächtnis: Spielplätze von unbekümmerter Verzweiflung

Theater heute - Logo

In der ersten Szene von Tschechows «Die Möwe» erklärt der arme Dorflehrer Medwedenko der Tochter des Gutsverwalters, Mascha, zum vermutlich x-ten Mal seine große, aber leider völlig unerwiderte Liebe. Mascha weist ihn routiniert, aber freundlich ab. Mit dieser Szene springt Tschechow ansatzlos ins Stück, und sie ist in unzähligen «Möwe»-Inszenierungen als unverbindliches Geplänkel vor­übergezogen mit demütigen Medwedenkos, die sich buckelnd ihre Abfuhr holen.

In Jürgen Goschs vorletzter Inszenierung brüllt Christoph Franken, eine korpulente, schwitzende Erscheinung, Meike Droste aggressiv-fordernd an, packt sie dann bei der Liebeserklärung im Nacken und schüttelt sie kräftig durch. Meike Drostes Mascha wundert sich darüber nicht weiter, und wenn sie wieder gerade schauen kann, zieht sie ihre Schnupftabakdose und bietet ihrem Peiniger eine Prise an. Gleichgültiger kann man nicht auf Gewalt reagieren, gewalttätiger einem Liebenden nicht seine Gleichgültigkeit bekunden. Die Sache mit der Tabakdose steht übrigens genauso im Text.

 

Zu Beginn des zweiten Akts von «Onkel Wanja», Jürgen Goschs vorheriger Inszenierung, kann Professor Serebrjakow, der den Sommer auf seinem Gut verbringt, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2009
Rubrik: Jürgen Gosch 1943-2009, Seite 24
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im Rhythmus der Zeit

Unter den drei Großstädten Sachsens gilt Chemnitz mit wenig mehr als 250.000 Einwohnern noch immer als Aschen­puttel. Wahrscheinlich leidet die Stadt noch immer unter dem Nachhall jener leidigen Umbenennung im Jahre 1953, die ihr nicht nur den «Ehrennamen» Karl Marx, sondern auch den Spott der Mitwelt einbrachte, die sich höchstens auf ein schnoddriges «Kalle...

Pädagogen

Lehrer darf man nicht unterschätzen. Spätestens seit Heinrich Manns «Professor Unrat» steht fest, dass noch im spießigsten Moralapostel und Schülerquäler ein lüsterner Anbeter verruchter Barfußtänzerinnen steckt, ein potenzieller Zuhälter, Spieler und Amokläufer gegen das System, das er selbst verkörpert und dem er alles verdankt. Natürlich darf man Pädagogen auch...

Baut auf, baut ab

«Die Gedanken werden besinnungslos», hat Elfriede Jelinek in einem Kommentar zu «Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes» geschrieben. Ein dazwischengerutschter Satz vielleicht, womöglich aber auch Teil der Jelinekschen Poetologie: Was sind ihre Sprachspiele und Metonymien anderes als ein Entwischen vor der Besinnung, ein fortwährendes Flüchten vor der...