«Ich gieße meine soziale Skulptur»

Christoph Schlingensief im Gespräch mit «Theater heute»-Redakteurin Eva Behrendt über seine Krebserkrankung, die Bedeutung des Sprachflusses, Joseph Beuys, und warum das Christentum eine Riesenfreude sein könnte.

Theater heute - Logo

In der Berliner Wohnung Laberenz/Schlingensief. Christoph Schlingensief kocht Tee.

Christoph Schlingensief Das ist ein Antikrebstee aus Japan …

Eva Behrendt Im Ernst?

Schlingensief  Nee. Du kriegst ganz viel so Zeug, Teufelskralle, Katzenkralle, davon zwei Liter am Tag trin­ken, und dann geht der Krebs zurück. Mir wur­de Hypnose angeboten, ein Apotheker hat mir ein komplettes Mineralien-Sortiment geschickt. Manche wollen Geschäfte machen, aber alles was hilft, ist okay.

EB Wird man automatisch zum Spezialisten, wenn man an Krebs erkrankt?

Schlingensief Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders. Das macht die Sache auch so gefährlich, weil man immer lernt: Tust du das, passiert das. Tust du dieses, passiert jenes. Ich habe meist etwas anderes erlebt, als man mir erzählt hat. Bei meiner ersten Chemopackung passierte drei Tage nichts. Sich übergeben, Haarausfall, das ist bei mir alles nicht passiert. Stattdessen hat die Seele unglaublich protestiert, die Zellen haben geschrieen. Alles hat getobt in mir. Es gab keinen Ausweg, keine Flucht­möglichkeit, das Zeug war in mir drin. So stelle ich mir die Hölle vor. Deshalb meine ich auch, jetzt ist es ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2009
Rubrik: Interview, Seite 36
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Midlife und andere Krisen

Die neue Saison war noch keine acht Wochen alt, da stand es für das Feuilleton einer überregionalen Zeitung schon fest: Die Berliner Bühnen stecken in der Krise. Das Deutsche Theater, eben noch in Bernd Wilms’ letzter  Spielzeit zum «Theater des Jahres» gekürt, unter Interims-Intendant Oliver Reese wegen Renovierung des Großen Hauses auf Zelt und Kammerspiele...

Die Vorstadt als Kunstwerk

Man war ja schon einiges gewohnt. Mit Boris Sieverts hatte man bei Schneefall den unwirtlichen Kölner Norden durchwandert. In einer Open-Air-Performance von «Der Bus» war man durch Wälder und Tümpel unweit des Kraftwerks Goldenberg gestreift, als auch der zweite Vlies-Pullover nichts mehr gegen die klirrende Kälte auszurichten vermochte. Dann aber hockte man mit...

Kalkül und Ereignis

Dabei handelt es sich um ein Bilderbuch, das mit ein paar Texten, Dialog- und Originalzitaten die Entstehung des Films beschreibt. Und die tiefere Wahrheit besteht darin, dass dieses liebe­vollere und aufwändigere Presseheft schließlich als Vorlage für Breloers Film gelten muss.

Denn Thomas Manns Roman wird Breloers Film gerecht nur in der Art, wie die meisten Filme...