Avancen aus der Trennungskrise
In Trennungskrisen neigt der Mensch zur Übertreibung und zur Offensichtlichkeit. Jeder kennt das: Man redet zu viel, lacht zu laut, weint zu falsch. Man weiß nicht mehr, wer man ist, was man will und was man kann, aber das mit aller Entschiedenheit. Es muss die Angst vor dem Verschwinden sein, die in Zeiten des Wandels zu unkontrollierten Gefühlskundgebungen und zwanghaften Selbstoffenbarungen führt.
Die Angst vor dem Niemandsland zwischen Nicht-mehr-hier und Noch-nicht-dort, wo die alten Ego-Fassaden sich zerschlagen haben und neue noch nicht errichtet sind, so dass der Mensch genötigt ist, durch prophylaktischen Exhibitionismus zu vermeiden, dass er sich unfreiwillig eine Blöße gibt.
Von dieser Angst vor dem plötzlichen Verlust aller Selbst-Gewissheiten und dem Zwang, sich hinter noch instabilen Selbst-Behauptungen zu verstecken, will Sasha Waltz in ihrem jüngsten Tanztheater-Epos «Gezeiten» erzählen. Und es hätte ihr womöglich gelingen können, wäre ihre Aufführung nicht selbst das Opfer einer Trennungskrise, angekränkelt vom Angstzwang zur Selbstdarstellung, gezeichnet von Desorientierung, Profilierungswut, der nervösen, sprunghaften Suche nach einer neuen Identität.
In der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ruth Berghaus war eine der eigenwilligsten und unangepasstesten Künstlerpersönlichkeiten des deutsch-deutschen Theatergeschehens im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Vor allen Dingen mit ihren Operninszenierungen setzte sie Maßstäbe, stellte sie sich quer zu gedankenloser Routine, zu Kunstgewerbe und restaurativer Musiktheaterpflege. Rolf Liebermann,...
Man sagt dem Regisseur Jürgen Gosch eine Schwäche für Süßigkeiten nach. Wer die besten Konditoreien in Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Hannover oder Zürich wissen will, der frage den 62-jährigen Regisseur auf Endlostournee. So raunt man in Zügen und Hinterzimmern. Irgendeine Droge muss der unermüdliche Mann ja haben, warum nicht den Downer aus schön verarbeitetem...
Frau Lorenz macht wieder Theater – Frau Lorenz, Seitenflügel vierter Stock im Gebäudekomplex Sophienstraße 18, Berlin Mitte – in der Stadt allerdings besser als «Sophiensæle» bekannt. Denn Frau Lorenz, Altmieterin noch aus DDR-Zeiten, erlebt die Kunst, die hier nun seit gut zehn Jahren Berlins Ruf als europäisches Zentrum des freien Theaters festigt, im...
