Ein Fall für die Bühne

Wer kennt den Theatermann Einar Schleef besser als Günther Rühle, der ihm als Intendant des Schauspiels Frankfurt 1985 bis 1989 Arbeitsmöglichkeiten bot, als sich niemand sonst für diesen Regisseur interessierte? Rühle, damals von vielen Seiten für sein Engagement angefeindet, geht noch einmal mit Schleef auf die Reise – durch sein Tagebuch.

Theater heute - Logo

Einar Schleef war ein Kerrrl, groß, stämmig, kompakt. Er prägte sich ein als eine kräftige Einheit, strahlend von Energie. Jeder Auftritt von ihm war eine Ankunft. In ihm hausten viele Kerle: ein Zeichner, ein Maler, ein Fotograf, ein Bühnenbildner, ein Kostümdesigner, ein Regisseur, ein Choreograf. Dazu: ein Musiker, ein Schreiber, ein Schriftsteller, ein Dichter. Dazu: ein sturzgeschädigter Junge, liebessüchtig, mit Lügen auf Wahrheitssuche. So durchtobt im Innern war er ein angstverstörter Sucher nach sich selbst.

Selbstdarsteller zuletzt – in Nietzsches Gestalt; es war schon die Maske des Todes. Seine Außerordentlichkeit durchrüttelte die Kunst am Ausgang des letzten Jahrhunderts und leuchtet in dieses. 

Schleefs Tagebücher enthalten die Brandspuren seines Lebens. Was mit ihnen aus der Dunkelkammer seines Daseins hervorkommt, ist Bericht von dem Versuch, seinem Sangerhausen zu entfliehen, die große Stadt Berlin, das sozialistische halbe wenigstens, zu erreichen und dort Zukunft an sich zu reißen. «Ostberlin» steht rotgedruckt am Rand des Buchdeckels. Ostberlin ist die zweite Station seines Lebens: Aufenthalt dort zwölf Jahre, 1964 bis 1976, Ulbricht/Honeckerzeit im Osten, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2006
Rubrik: Biografie, Seite 22
von Günther Rühle

Vergriffen
Weitere Beiträge
Drama on the rocks

So ein Theater sucht auf der Welt seinesgleichen. Die Bühne befindet sich auf 2.700 Metern Seehöhe, die Zuschauer schützen sich mit dicken Anoraks vor der kalten Bergluft, und die Kulissen sind Dreitausender: Auf dem Rettenbachgletscher über Sölden im Tiroler Ötztal inszeniert der Salzburger Choreograf Hubert Lepka seit fünf Jahren hochalpine Theaterspektakel. 2001...

Im Garten der Unlüste

An den ungeputzten Fensterscheiben von Bernarda Albas Haus drücken sich die Kerle aus dem Dorf die Nasen platt. Sie gaffen und lugen, geifern und lungern: Die fünf Mädels im Inneren aber bleiben unerreichbare Objekte ihrer eindeutigen Begierden. Irgendwie sind diese Männer immer präsent: in schwarzen Anzügen als Trauergemeinde, mit blankem Oberkörper als...

Die Lust und das Leid

Eine Uraufführung in Fortsetzungen: Erst die dritte Inszenierung bringt sie zum Abschluss. Zunächst die falsche Kombination (Bruno Ganz und Claus Peymann, das konnte nicht gut gehen, Abbruch der Proben). Dann der richtige Regisseur (Luc Bondy), aber in der fremden Sprache (Uraufführung auf Französisch in Paris), dann der richtige Ort (Berlin), aber der falsche...