Warm-Up
gestohlene gefühle
Ein Jüngling liebt ein Mädchen und hat sich diesem noch nicht vermählt es ist eine alte Geschichte. Er kauft für teures Geld Ballettkarten, um ihr zu imponieren. Während der Vorstellung sucht er verzweifelt nach dem Moment der Gefühlseinigkeit. Er wird ihn schon in irgendeiner Art finden, denn schließlich hat auch das Mädchen darauf gewartet. Aber insgeheim ist er enttäuscht. Auf der Bühne hat er echte Gefühle nicht gesehen, er fühlt sich getäuscht. Kann man Gefühle stehlen?
Der Verstand irrt, das Gefühl nicht.
Sagte einst der Komponist Robert Schumann und teilte sich in den Rationalisten Eusebius und den Romantiker Florestan, um die Dialektik schreibend voll auskosten zu können. Dialektik würde man auch vielen heutigen Betrachtern des Tanzes wünschen, die so gerne nach Schwarz und Weiß urteilen. Man braucht aber keine Scharfrichter, sondern Menschen, die in historischen Dimensionen denken und fühlen.
Bei der Eröffnung der diesjährigen Ausgabe von «Tanz im August» wurde die Choreografie «Available Light» gezeigt, Anfang der 1980er-Jahre von Lucinda Childs entworfen. Kühl zogen die Tänzer ihre Bahnen und präsentierten nichts als Figuren, scheinbar absichtslos ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz November 2015
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Bernd Feuchter
deutschland
On tour
Preisträger des «19. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festivals Stuttgart», der Norweger Jon Ole Olstad mit «and we already knew the names» (1. Preis Choreografie, 1. Preis Tanz); Tamar Grosz aus Israel mit «I’m not a Jew, Israeli, Vegan, Lesbian, Woman. I am Tamar» (2. Preis Choreografie, Video-Tanz-Preis); die Italienerin Beatrice Panero mit...
leipzig
euro-scene
Vor 25 Jahren hob Ann-Elisabeth Wolff das Festival «euro-scene
Leipzig» mit aus der Taufe, seit 1994 leitet sie es. Nie dachte sie daran, das Neueste auf den Markt zu werfen. Lieber wählt sie das Beste, das Vermittelbare, und hält ihre Augen nach Osten auf. Wenn zum Jubiläum das polnische Ensemble Scena Plastyczna KUL wieder deutschen Boden...
Die nette Mette. Sie verdreht einem alles, den Kopf und das Ballett. «Die sieben Todsünden» von George Balanchine, Bertolt Brecht und Kurt Weill geraten bei ihr exakt zum Gegenteil: «7 Pleasures» heißt ihr neues Werk. Aus der biblischen Droh-Erziehung des Menschen gebiert sie die Lust an der Freiheit. Ihre Tänzer sind zwölf splitternackte Apostel, die neunzig...
