Stéphen Delattre: «Notre-Dame de Paris» in Mainz

 Seit Jahrhunderten ragen die Wasserspeier mit ihren Tierfratzen aus der Kathedrale heraus. Sie stehen auf den Hinterbeinen, ganz in Grau, mit eckigen Knien und Armen, Öhrchen auf dem Kopf und Ausbuchtungen überall am kalten Körper. Auf der Bühne der Mainzer Kammerspiele treten sie nun staksend in Aktion. Eine hübsche Idee des französischen Choreografen Stéphen Delattre, der mit dem Roman «Notre-Dame de Paris» von Victor Hugo sein zweites Erzählballett inszeniert.

Alle anderen Figuren sind Menschen, romanhaft und voller Gefühle, albernem Übermut, intriganter Hinterlist, unglücklicher Sehnsucht, Scham, Sexgier, Eifer- und Rachsucht. Auch Edelmut ist dabei.

Zeugin der Ränke ist die berühmte Kirche. Die Bühne der Kammerspiele dominieren große Videoprojektionen: Notre-Dame von nah und aus der Distanz, mit rasenden Wolken da-rüber, blutendem Gemäuer, dazu das Dachgebälk, die Speier, die herrliche Rosette – ein Bild der Vollkommenheit. Davor lüpft dann die Zigeunerin ihr rotes Kleid bis zu den Strapsen. Sehr irdisch. Und sehr altmodisch.

Warum man diese sinistre Story heutzutage hervorkramen und als Ballett verpacken muss, wird nicht klar. Immerhin ist kurzweilig, was der hochdramatische ...

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Tanz April 2016
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 41
von Melanie Suchy

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