Rituale: Jo Ann Endicott
Ich hatte eigentlich nie einen Talisman – außer als ich Australien 1973 verließ. Da hat mir meine Mutter einen dunkelrot gefärbten Känguru-Pelzmantel geschenkt. Dieser Mantel hat mir in den Anfangszeiten am Wuppertaler Tanztheater, während der kalten Jahreszeit und – was vielleicht noch wichtiger war – in schwierigen Phasen die Seele gewärmt. Viele Jahre lang war er fast die einzige Verbindung zu meiner Mutter, meiner australischen Heimat und meinem früheren Leben.
Inzwischen ist vielleicht eine braune Wollmütze, die einmal Pina gehört hat, zu meinem Talisman oder Glücksbringer geworden. Ich habe sie im Januar 2018 bekommen. Seitdem trage ich sie immer im Winter, und bei den Proben steckt sie immer in meiner Tasche. Und ja, da ist noch etwas. Als Probenleiterin für «Die sieben Todsünden» habe ich der jungen Tänzerin Stephanie Troyak 2018 meine Rolle als Anna übergeben, die mich schon fast mein ganzes Leben lang begleitet hat. Meiner Nachfolgerin habe ich auch alle meine «alten» Kleider überlassen, die ich seit den ersten Aufführungen Jahrzehnte lang getragen habe. Genauso setzt jetzt Breanna O‘Mara, die meine Rolle in «Arien» übernommen hat, das Liebesspiel mit «meinem» alten ...
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Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Glücksbringer, Seite 17
von
Einen konkreten Talisman oder Glücksbringer, so was habe ich eigentlich nicht. Ich knüpfe den Erfolg meiner Vorstellungen nicht so gerne an etwas Äußerliches, denn letztlich kann nur ich selbst meine Auftritte steuern.
Aber eine persönliche Routine vor jedem Vorstellungsbeginn habe ich schon. Die letzten beiden Stunden vor dem Auftritt sind mir sozusagen heilig....
Ich kaue Kaugummi, was ich sonst nie tue. Danach spucke ich das direkt aus, weil ich das nicht mag! Ich sitze immer hinter der Bühne bei der Premiere. Gustav ist dann auch dabei, schläft aber oft. Oft drücke ich auch meine Daumen. Früher hatte ich noch andere Glücksbringer dabei, an die habe ich aber irgendwann nicht mehr geglaubt. Die Sonnenbrille habe ich auch...
ich habe keinen talisman. ich habe auch kein kontinuierliches ritual. es gibt jedoch gedanken, die oft hochkommen, kurz bevor ich auf die bühne gehe. ich denke an meine grossmutter, die schon lange nicht mehr lebt, an ihre energie und lebensfreude, ihren blick, wie sie mich und meine ersten tanzversuche im wohnzimmer am attersee beobachtet hat und so glücklich war,...
