Raphael Hillebrand
Meine tänzerische Heimat ist Hip-Hop. Wenn ich auf eine Hip-Hop-Jam gehe, kenne ich die Codes und Verhaltensregeln. Sie bilden die erste Schicht meiner künstlerischen Identität. Jede weitere Schicht, die sich im Lauf der Jahre darübergelegt hat, musste sich mit Hip-Hop vergleichen, an ihm reiben und schließlich Kompromisse finden. Heute fühle ich mich in vielen tänzerischen Kontexten wohl oder sogar zu Hause. Aber alles basiert auf meiner Identität als Teil der Hip-Hop-Kultur.
Sie war die erste, die mich gefordert, geprüft und letzten Endes aufgenommen hat, so wie ich bin: So fühlt sich Heimat an.
Der Begriff Leitkultur stößt mich ab. Das Konzept, die eine über die andere Kultur zu stellen, finde ich falsch. Kulturen sind Hybride, sich ständig verändernde Gebilde. Kulturen passen sich immer Lebensrealitäten an. Eine Leitkultur dreht dieses Konzept um. Dann soll der Mensch einer bestimmten Kultur folgen, obwohl Kultur erst durch das Handeln des Menschen entsteht. Die Spannung zwischen Kulturen ist der fruchtbarste Ort für Kunst.
Mir wurde oft erzählt, dass meine Heimat ein fernes Land sein muss, weil ich dunkle Haut habe. Den Menschen ist dabei nicht bewusst, woher ihr Konzept ...
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Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Identität, Seite 114
von Raphael Hillebrand
Sie ist eine Virtuosin. Auf Krücken. Sie ist hochspezialisiert und – beziehungsweise: weil – gehandicapt. Zwischen diesen Eckpunkten hat die schottische Performerin Claire Cunningham sich ihren eigenen -Aktionsradius geschaffen und ihren Blick auf die Welt kontinuierlich erweitert. Und den unseren als Zuschauer gleich mit.
Anfangs zeigte sie auf der Bühne...
Rudol’f Chametovič Nuriev, so lautet sein Name in wissenschaftlicher Transliteration, ist ein Inbegriff der Heimatlosigkeit. Sie beginnt beim Namen. Im Tatarischen, der Sprache seiner Eltern, fand er nie Verwendung: Рудольф Мөхәммәт улы Нуриев oder Rudolf Xämät ulı Nuriev. Wobei noch immer ungeklärt ist, welchem Alphabet der Vorrang gebührt, dem kyrillischen oder...
Er war 2012 der «Dancer in the Dark». Schon damals ließ der kleine Eleve der John Cranko Schule für seine tänzerische Zukunft einige Steigerungsmöglichkeiten erwarten. «Den Rücken gerundet, die Hände an der Hosennaht», hieß es damals in tanz, scheint Alessandro Giaquinto die Titelrolle «gleichsam zu erleiden. Ein junger, schlaksiger Woyzeck, der wie ein...
