Osnabrück: Mauro de Candia «Beethovens Neunte»

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Schon beim Ballett «Le Sacre du printemps» gab’s die Musik nur am Klavier. Und auch für «Beethovens Neunte» wählt Mauro de Candia eine Transkription, und das aus innerer Überzeugung – und nicht etwa aus praktischen Erwägungen, weil das Original mit Orchester, Chor und Gesangssolisten an einem Theater wie dem von Osnabrück als Repertoire-Aufführung kaum machbar wäre. Er selbst hat das Opus magnum während seines Studiums an der Rudra-Schule als Choreografie von Maurice Béjart kennengelernt, seinerzeit fraglos ein Ereignis. Klar, dass er sich davon abheben will.

Allein: Anders als im Fall von Igor Strawinsky gibt es keine Klavierfassung des Komponisten. De Candia muss auf eine «Übersetzung» von Franz Liszt zurückgreifen: ein problematisches Unterfangen, weil Ludwig van Beethoven ja gerade das rein Instrumentale am Ende nicht mehr genügt.

Mauro de Candia begegnet ihm, indem er sich nicht nur mutig der Erwartungshaltung seiner Zuschauer entgegenstellt, sondern für «Beethovens Neunte» einen ganz eigenen Raum schafft. Der ist zunächst einmal ganz schwarz, gegliedert allenfalls von einem wolkigen Gespinst in der Höhe und einem schlaufenartigen Gebilde zur Rechten. Beides könnte ein Rudolf Englert entworfen haben, dessen zeichenhafte Skulpturen auch im Marmorfoyer zu sehen sind. Dazwischen auf einer Empore, dem Geschehen scheinbar entrückt, Nami Ejiri, die wenig später am Klavier das schier Unspielbare meistert. Später deshalb, weil Rosa Wijsman auf der kaum ausgeleuchteten Bühne erst einmal sich und damit den Tanz selbst hörbar macht, bevor Beethoven das Bewegungsmaterial musikalisch prägt.

Bis zuletzt ist Rosa Wijsman so etwas wie der Kristallisationskern einer Choreografie, die anfangs etwas Amorphes, Ambivalentes hat, dann aber verklumpt, verwirbelt, am Schluss sogar zu zersplittern droht – als bedürfte es einer fortwährenden Anstrengung, das einmal Erreichte zu erhalten. Während andere zwischendurch schwächeln, bleibt die einstige Scapino-Elevin standhaft. Sie blickt immer wieder zur Musik auf, als wäre das Klavier nichts anderes als ein Kraftwerk der Gefühle. 

Vielleicht hätten das auch Marine- Sanchez Egasse und Ohad Caspi im dritten Satz tun sollen, in dem der Tanz gleichsam auf der Stelle tritt, während sich der Boden auf beiden Seiten wie zu einer Halfpipe wölbt. Man könnte meinen, dass die beiden die Musik auf sich wirken lassen wollen. Doch dieses Duo, beinahe bewegungslos und doch im Innersten bewegt, scheint anderes zu signalisieren: ein wechselndes Kräfteverhältnis von Mann und Frau. Erst als sich Sohle zu Sohle findet, ist das Gleichgewicht wiederhergestellt, und im 4. Satz kann Mauro de Candia insofern über das Ensemble hinaus eine Einigkeit herstellen, als er das Publikum nötigt, sich die «Ode an die Freude» hinzuzudenken. Was offenbar kein Problem darstellt. Das Premierenpublikum reagierte jedenfalls begeistert.

Wieder am 5., 8., 14., 18., 28. und 30. Dez. sowie am 18. Jan.; www.theater-osnabrueck.de 


Tanz Dezember 2018
Rubrik: Kritik, Seite 45
von Hartmut Regitz

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