Louis Stiens
Ich finde es schwierig, den Begriff «Heimat» mit meiner Arbeit, dem Tanz, in einen Kontext zu stellen. Anders als viele meiner Kollegen lebe und arbeite ich von klein auf in meiner sogenannten Heimat Deutschland. Andere Tänzer müssen ihre Heimat immer wieder neu definieren, weil sie viel reisen oder den Standort berufsbedingt wechseln. Ich dagegen habe mich ganz selbstverständlich an meine Heimat gewöhnt und sie schätzen gelernt.
Ich meine, dass Tänzer Heimat temporär sehen können, ohne sich groß mit ihr identifizieren zu müssen.
Vielleicht fällt es ihnen deswegen auch leichter als anderen Künstlern, sich in den unterschiedlichsten Bühnen- und Probensituationen zurechtzufinden. Tänzer müssen sich immer wieder neu behaupten und positionieren, das verlangt viel innere Kraft und Ruhe. Manchmal denke ich, dass es mich vielleicht stärker gemacht hätte, in einer mir fremden Kulturlandschaft Fuß zu fassen, um über das Tanzen eine neue Heimat zu finden. Allerdings meine ich manchmal auch, dass es umgekehrt ist, und der Tanz meine Heimat definiert hat. Dazu braucht er einen menschenfreundlichen Platz, wo er wachsen kann.
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Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Identität, Seite 106
von Louis Stiens
Die Seuche des interaktiven Theaters hat inzwischen den Tanz angesteckt. Auch dort kann das Publikum mittlerweile per Handyklick den Vorstellungsverlauf beeinflussen und neuen Wein in alte Schläuche füllen helfen. Ich hasse dieses alberne Getue aus tiefster Seele, deshalb war ich fest entschlossen, mir Benjamin Vandewalle in Brüssel nicht anzusehen, weil sein Tun...
Folgende Orte habe ich bislang als home bezeichnet: Peterborough, Annandale-on-Hudson, Manhattan, Frankfurt am Main, Paris, München, und Madrid. Die Liste der Orte, an denen ich mich vorübergehend zu Hause gefühlt habe, ist allerdings weitaus länger. Andererseits fehlen auf ihr zuweilen auch Orte, an denen ich wohnte – meine eigene Haut eingeschlossen.
Ich bin...
Für mich ist Heimat natürlich mein Geburtsland, die Tschechoslowakei, und: ihre Landschaft, ihre Sprache (Tschechisch und Slowakisch), ihre Literatur (Karel Čapek, Jaroslav Seifert, Bohumil Hrabal, Milan Kundera), ihre Musik (Antonín Dvořák, Bohuslav Martinů, Leos Janáček), ihre Volks-tänze und die Malerei (František Kupka, Josef Šíma, Jan Koblasa, Zdeněk Sýkora)....
