Richard Siegal über Heimat
Folgende Orte habe ich bislang als home bezeichnet: Peterborough, Annandale-on-Hudson, Manhattan, Frankfurt am Main, Paris, München, und Madrid. Die Liste der Orte, an denen ich mich vorübergehend zu Hause gefühlt habe, ist allerdings weitaus länger. Andererseits fehlen auf ihr zuweilen auch Orte, an denen ich wohnte – meine eigene Haut eingeschlossen.
Ich bin inzwischen seit über zwanzig Jahren ein Expat, ziehe ständig von einem Land ins andere und war doch selten ein Nomade.
Ich bin in einem jüdischen, weißen, angelsächsisch-protestantischen Milieu in New England aufgewachsen. Oft habe ich mich als Fremder in einem fremden Land gefühlt. Ich persönlich kann Heimat – wie auch Identität, wie die Koordinaten eines Elektrons und alles andere, was ständig im Fluss begriffen ist – nur annähernd beschreiben. Heimat hat keine feste Adresse, keinen Boden, kein Blut. Sie kennt keine Nationalität. Heimat ist ephemer. Sie entsteht in uns, um sich dann wieder unerwartet zu verflüchtigen, und sie tritt nie isoliert auf, sondern stets im Verhältnis zu anderen.
Doch Heimat bedeutet darüber hinaus auch Zugehörigkeit, Mitgliedschaft, Staatsbürgerschaft und Verantwortung. Sie bringt Pflichten und Privilegien mit sich – Privilegien, die, wenn sie Menschen vorenthalten werden, fortwährende Ungerechtigkeiten nach sich ziehen. Dann nämlich wird Heimat zum umstrittenen Besitz, zum Objekt einander überschneidender Ansprüche. Dann setzt sie Leidenschaften frei, facht den Volkszorn an. Man weiß, wohin das führen kann ...
Doch genug der Definitionen. Lassen wir uns vielleicht am besten von der folgenden Devise leiten: Was Heimat auch immer sein mag, wehren wir uns gegen diejenigen, die sie uns absprechen wollen. Und lieben wir die, die uns dabei helfen, unsere Heimat intensiver zu spüren.
Richard Siegal, Choreograf und Künstlerischer Leiter des Ballet of Difference
Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Identität, Seite 115
von Richard Siegal
Ligia Lewis kreiert engagierte, dissonante, notwendige Tanzstücke. Bestes Beispiel: «Minor Matter» (2016), von der Choreografin gemeinsam mit -Tiran Willemse und Corey Scott-Gilbert performt – abstrakt und zugleich unerhört persönlich. In Zeiten neu aufkeimender rassistischer Gewalt und der vor diesem Hintergrund agierenden internationalen Bewegung «Black Lives Matter» erkundet die in...
Rudol’f Chametovič Nuriev, so lautet sein Name in wissenschaftlicher Transliteration, ist ein Inbegriff der Heimatlosigkeit. Sie beginnt beim Namen. Im Tatarischen, der Sprache seiner Eltern, fand er nie Verwendung: Рудольф Мөхәммәт улы Нуриев oder Rudolf Xämät ulı Nuriev. Wobei noch immer ungeklärt ist, welchem Alphabet der Vorrang gebührt, dem kyrillischen oder dem lateinischen. Als...
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