In Nachtgewittern
Immer wieder erstaunlich, wie der Bühnenraum das menschliche Antlitz verändert, moduliert, sich selbst entfremdet. Da kreuzt ein Mann in kurzen Pluderhosen auf, über und über mit Pailletten bestickt. Sie senden lauter kleine Blitze Richtung Publikum, während der schreiend rote Mund herrisch befiehlt: «Liebe mich!» Der Kopfputz – halb Bischofsmütze, halb royales Diadem – gleißt und glitzert zwar wie ein von Tiffany, Bulgari oder Cartier designtes Luxus-Accessoire.
Aber das Ding thront auf einer schwarz gelackten Coiffure, deren Inhaber an die Filmgöttin schlechthin des Deutschen Reiches brauner Prägung erinnert: Zarah Leander.
Kaum eine halbe Stunde, nachdem Marcos Moraus «Nachtträume» vom Zürcher Premierenpublikum mit stehenden Ovationen überschüttet worden sind, taucht Zarah Leander auf der After-Show-Party auf und sieht sich in Jeans und blauem Pulli so gar nicht mehr ähnlich. Niemand würde vermuten, dass der Bassbariton Ruben Drole in den Glam-Kokon verpuppt war, natürlich eine Maßanfertigung wie all die exquisiten, von Silvia Delagneau entworfenen Kostüme. Kaum hat der gendertechnisch mal hierhin, mal dorthin neigende Conférencier und Chansonnier des Abends die zweite Haut ...
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Tanz 11 2022
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Dorion Weickmann
Die Stockholmer Truppe Cullberg arbeitet heute mit drei Choreograf*innen, darunter seit zehn Jahren Jefta Van Dinther. Aber daran kann es nicht liegen, dass er nun verbal die Keule rausholt. «On Earth I’m Done» heißt sein Zweiteiler. Fertig! Schluss! Er ist nicht der Einzige, der sich dieser Welt nicht mehr zugehörig fühlt und doch weiter mit ihr leben muss. Die...
Roman
ABSCHIED VOM TRAUM
Vom «Traum, eine Ballerina zu sein» bis zu den Spitzenschuhen als «Folterkammern aus rosarotem Satin» in gerade einmal 30 fiebrig-intensiven, wie wirbelnden Seiten. Der dritte Teil von Sigrid Nunez’ Roman «Eine Feder auf dem Atem Gottes» handelt vom Ballettunterricht der jugendlichen Erzählerin – aber eigentlich: von der Entdeckung und...
Die Welt auf den Kopf gestellt, zweimal vierzig Minuten lang an einem Abend – ganz schön ehrgeizig für den neuen Tanzabend des Hessischen Staatsballetts: «V/ertigo» (Schwindel), bestehend aus den Schwesterstücken «Skid» von Damien Jalet (tanz 4/22) und «I’m afraid to forget your smile» von Imre und Marne van Opstal.
Bringt Jalet auf schräg-steiler Tanzfläche ganz...
