Im Hippodrom
Das Schöne am Zeitgeist ist, dass er stets versucht, die Geister des Gestern zu verjagen. Damit die Zukunft eine Chance hat. Denn eine Zukunft ohne Zeitgeist gibt es nicht. Doch was macht der Zeitgeist? Gebiert Revival um Revival. Die Wiederholung des Schreckens, die Ausbreitung totalitärer Machtverhältnisse und klimatischer Katastrophen steht in einem seltsamen Missverhältnis zu all dem Glauben an das Gute.
Die Zukunft, so steht es schon bei Walter Benjamin, ist ein Engel, der mit entsetztem Gesicht auf die Geschichte starrt, und es so niemals schafft, den Blick nach vorn zu richten. Vorn ist bei Benjamins Engel immer hinten, die Vergangenheit. Dass Jan Martens, der aufstrebende Choreograf aus Antwerpen, nun in dem Klang eines barocken Cembalo die Zukunft der Kunst vermutet, ist nichts als ein konsequenter Quantensprung vom 21. ins 17. Jahrhundert. «Der Klang des Cembalos wird oft als sehr metallisch beschrieben, wie ein Videospiel aus den 1980er-Jahren», findet Martens, Jahrgang 1984. Das Cembalo, dank seiner «futuristischen Atmosphäre», die ihm zu entlocken wäre, steht zur Uraufführung beim südfranzösischen «Festival d’Avignon» zentral vor der düsteren Fassade des dortigen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz 11 2022
Rubrik: Produktionen, Seite 13
von Arnd Wesemann
Man schrieb das Jahr 2020, als die damalige Ballettchefin der Pariser Oper, Aurélie Dupont, Norwegens Tanztheaterstar Alan Lucien Øyen vorschlug, ein Stück für ihr Haus zu schaffen. Sie wusste genau: Die Truppe aus dem Garnier-Palast und auch das Publikum würden damit eine absolute Neuheit erleben. Doch es folgten Pandemie und Lockdowns, bis zur Wiederaufnahme der...
Vor 225 Jahren erblickte Carlo Blasis das Licht der Welt und damit ein Mann, hinter dem sich weit mehr verbirgt als nur die Erfindung der Attitude-Position, die er in seinen Schriften für sich reklamierte. Maßgeblich geprägt hat er nicht nur die Tanztechnik, sondern auch die Ästhetik des Bühnentanzes im 19. Jahrhundert und darüber hinaus. Doch eins nach dem...
Doch, die «Biennale di Venezia» ist eine Kunstausstellung. Eindeutig. Es gibt Malerei, Skulptur, Installation, Video. Was es weniger gibt, sind diskursive Ansätze, fluide Formen, Überlegungen zur kollektiven Arbeit. Wer unter den Querelen und Irrungen der «documenta fifteen» gelitten hat, mag das als beruhigend empfinden, aber die Konzentration der Biennale auf die...
