Im Hippodrom

«Futur proche», die nahe Zukunft, heißt das jüngste Werk des belgischen Choreografen Jan Martens für das Opera Ballet Vlaanderen. Aber es handelt in Wahrheit: von der Vergangenheit.

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Das Schöne am Zeitgeist ist, dass er stets versucht, die Geister des Gestern zu verjagen. Damit die Zukunft eine Chance hat. Denn eine Zukunft ohne Zeitgeist gibt es nicht. Doch was macht der Zeitgeist? Gebiert Revival um Revival. Die Wiederholung des Schreckens, die Ausbreitung totalitärer Machtverhältnisse und klimatischer Katastrophen steht in einem seltsamen Missverhältnis zu all dem Glauben an das Gute.

Die Zukunft, so steht es schon bei Walter Benjamin, ist ein Engel, der mit entsetztem Gesicht auf die Geschichte starrt, und es so niemals schafft, den Blick nach vorn zu richten. Vorn ist bei Benjamins Engel immer hinten, die Vergangenheit. Dass Jan Martens, der aufstrebende Choreograf aus Antwerpen, nun in dem Klang eines barocken Cembalo die Zukunft der Kunst vermutet, ist nichts als ein konsequenter Quantensprung vom 21. ins 17. Jahrhundert. «Der Klang des Cembalos wird oft als sehr metallisch beschrieben, wie ein Videospiel aus den 1980er-Jahren», findet Martens, Jahrgang 1984. Das Cembalo, dank seiner «futuristischen Atmosphäre», die ihm zu ent­locken wäre, steht zur Uraufführung beim südfranzösischen «Festival d’Avignon» zentral vor der düsteren Fassade des dortigen ...

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Tanz 11 2022
Rubrik: Produktionen, Seite 13
von Arnd Wesemann

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