Ich Bin Schuld

Wie choreografiert man, wenn ein System am Ende ist? Arnd Wesemann im Gespräch mit Jo Fabian, Franz Anton Cramer und Janez Jansa im Jahr 20 nach «unserer» DDR

Tanz - Logo

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer gingen zwei Länder Bankrott. Beide hörten auf denselben Namen: DDR. Das eine Land war ein Spitzelstaat, in dem sich die Bewohner im Namen der Satzung ihres Kleingartenvereins so lange gegenseitig denunzierten, bis keiner mehr da war. Das andere Land gleichen Namens war ein marodes Wirtschaftsunternehmen, das jede Hand brauchte, um den Traum von der Gleichheit und der Wohlfahrt für alle aufrecht zu erhalten.

Beide Länder gingen unter, weil sie sich vor der reichen Konkurrenz aus dem Westen nicht schützen konnten, obwohl die DDR ihr Volk doch erzog wie eine Mutter, die ihre Kinder vor allem Übel der Welt retten wollte, ihm aber mit Lenin auch zutiefst misstraute. «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser». Ein richtig deutscher Staat: zwei Seelen, ach.

Diese Seelen sitzen nicht rechts und links, solange im politischen Links- wie Rechtsaußen derselbe Schlag pocht: Solidarität, Abgrenzung, Sehnsucht nach einem Führer – «und sei’s ein Clown oder eine Frau». Das sagt Jo Fabian, der berühmteste ostdeutsche Choreograf der Wendezeit. Er ist ein Meister des Stillstands, der auf der Bühne «diesen Hang zu konsequent stationären Situationen» entwickelte, «so ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Oktober 2009
Rubrik: DDR, Seite 18
von Arnd Wesemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Life after Merce

What next? «Wir werden versuchen, dieses Werk auf jede uns mögliche Weise am Leben zu erhalten», sagt Robert Swinston, langjähriger Tänzer der Merce Cunningham Dance Company (MCDC), rechte Hand des Choreografen und einer von vier Treuhändern des Cunningham Trust. «Wir werden keine neuen Stücke mehr haben, aber was wir haben, wird bewahrt. Wir nehmen etwa fünfzig...

Goodbye!

Zwei Kompanien sind heute auf Tour, von denen man weiß, dass es sie sehr bald nicht mehr geben wird: Die Merce Cunningham Dance Company, die nur noch zwei Jahre lang das Erbe ihres Namensgebers weiterträgt. Und Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater, das im August eine Stiftung erhielt, um ihr Erbe in ein Archiv zur wissenschaftlichen Erforschung des Tanztheaters...

Transition

Ein Tänzer hört auf zu tanzen. Einer? Alle. Bis auf seltene Ausnahmen beenden Tänzer ihren Beruf in einem knackigen Alter, Jahrzehnte vor der Rentengrenze. Das weiß jeder, der mit dem Tanzen beginnt, aber er denkt nicht dran. Eine Reihe von Studien bezeugen: Das Berufsende ist tabu.

Nichtmehrtanzen ist keine Schande, sondern normal. Nur nicht für einen selbst. Der...