Gisèle Vienne «L’ÉTANG / DER TEICH»

Genf on tour

Tanz - Logo

Zuerst liegen da nur die Puppen, auf dem Bett, auf dem Boden. Eine beklemmende After-Party-Stimmung zu dröhnenden Techno-Sounds. Behutsam, fast zärtlich werden die lebensgroßen Figuren hinausgetragen, geduldig, eine nach der anderen. Gisèle Viennes Weggefährtin, die Puppenspielerin und Schauspielerin Kerstin Daley-Baradel, ist während der Entwicklung des Stücks «L`Étang / Der Teich» verstorben. Das Wissen darum gibt dieser Szene eine andere, eine erinnernde Bedeutung. 

Nach den Puppen kommen die beiden Schauspielerinnen. Die Atmosphäre bleibt beklemmend.

Nein, sie wird noch viel bedrängender. Gisèle Vienne gräbt sich in ihren Arbeiten gerne tief hinein in Abgründe menschlicher Gefühlswelten. Robert Walsers prägnantes, beinahe mythologisch anmutendes Familiendrama «Der Teich» ist bester Stoff für die Seelenseziererin. Der Junge Fritz fühlt sich ungeliebt von seinen Eltern («Wenn die Mutter mir nur einmal ins Herz schauen würde») und täuscht einen Selbstmord im Wasser vor, um ihnen Aufmerksamkeit und Zuneigung abzuringen. 

Schon bei Walser befällt einen diese Unruhe, in jedem vermeintlich beiläufigen Satz ist Tragik lesbar. Bei Vienne ist die Szenerie kaum mehr auszuhalten. Wie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2021
Rubrik: Kalender, Seite 36
von Sarah Heppekausen

Weitere Beiträge
Der bewegte Raum

Eine Deep Space Raumstation. Silbriges Metall und schwarze mechanische Flughafen-Anzeigetafeln! Schnell wird man vom Hightech-Koloss verschluckt und steht mitten in einer vergangenen Zukunft: im Internationalen Congress Centrum Berlin. Das ist der spektakuläre Ort, den Thomas Oberender, scheidender Intendant der Berliner Festspiele, im Oktober für das 70-jährige...

Guerillataktik

Zu den ersten und vielen, die ab 1960 in den USA Kunst und Leben zu verbinden suchten, zählten Allan Kaprow mit seinen Happenings und Yoko Ono mit ihren Konzepten und Aktionen. Wie rasch und intensiv sich solche gegen den traditionellen Kunstbegriff und die Kunstinstitutionen gerichtete «Live Art» bzw. «Performance Art» verbreitete und etablierte, dafür ist Chris...

Gatekeeper

Anna K. Becker, ab August 2022 übernehmen Sie – gemeinsam mit Katrin Hylla und Rahel Häseler als Geschäftsführerin – die Leitung der Schwankhalle Bremen. Wie fühlt sich das an? 
Wie frisch verliebt! 

Worauf freuen Sie sich besonders? 
Teil unseres Konzepts ist es, erst mal auszuschwärmen und kennenzulernen, wen es da alles in Bremen gibt. Da sind so viele...