Frauenfragen

Immer wieder hat sich die Tänzerin und Choreografin Wen Hui mit Geschichte, Gesellschaft und Geschlecht auseinandergesetzt.

Sechzig Jahre und kein bisschen leise: In ihrem jüngsten, beim «Kunstfest Weimar» uraufgeführten Stück «I am 60» berichtet Wen Hui über ihre Familie und die wiederholt versuchte Befreiung der Frau im Reich der Mitte. In Europa kennen wir die Gründerin der ersten zeitgenössischen Tanzkompanie Chinas, des Living Dance Studio, seit ihren Erfolgsstücken «Report on Giving Birth» und «Report on Body»: zwei dokumentarische Tanzarbeiten zur persönlichen, intimen Dimension des weiblichen Körpers.

Mit «Red» und «Ordinary People» folgten zwei politisch-historisch orientierte Werke, die sich der kommunistischen Revolution widmeten. Jetzt tourt Wen Hui mit «I am 60», getroffen haben wir sie in Paris.

Der Titel Ihres neuen Stücks lautet «I am 60». Das klingt stark nach einem persönlichen Statement. Geht es womöglich um Sie selbst? 
In der Tat, ich bin nun 60. Laut der chinesischen Astrologie ist das ein Moment des Neubeginns, da man fünfmal den Tierkreislauf durchlebt hat. Es heißt, man bekomme einen neuen Körper und ein neues Dasein. Das schien mir der richtige Zeitpunkt für ein Stück über mein Leben. Der Ausgangspunkt war aber ein Forschungsprojekt zur Hungersnot von 1959 bis 1961 in China. ...

Goethe-Medaille für Wen Hui

Während ihres Aufenthalts beim «Kunstfest Weimar» erhielt Wen Hui als eine von drei Preisträger*innen die Goethe-Medaille, die alljährlich vom Goethe-Institut verliehene Auszeichnung für Verdienste um die internationale kulturelle Zusammenarbeit. Wen Huis Laufbahn begann mit der Ausbildung als Volkstänzerin in Yunnan, sie studierte in New York und an der heutigen Folkwang Universität der Künste in Essen und kam von Trisha Brown bis Pina Bausch mit zahlreichen Spielarten der Moderne in Berührung. 1994 gründete sie mit dem Dokumentarfilmer Wu Wenguang das Living Dance Studio und zählt, so das Goethe-Institut, «zur Avantgarde des Tanztheaters in China». Über ihre Arbeit sagt Wen Hui: «Der Körper ist für mich der zentrale Schauplatz. Durch ihn, durch das Körpergedächtnis erinnern und reflektieren wir Geschichte und Gesellschaft, unsere Realität, alles, was wir erlebt haben.» In der Laudatio, gehalten von der Intendantin des Europäischen Zentrums Hellerau, Carena Schlewitt, heißt es: «‹Everyone’s body has a stamp› ist das Credo ihrer choreografischen und Körperarbeit. Dabei ist dieser ‹Körperstempel› immer ein Resultat von historisch-gesellschaftlichen Situationen, von Alltags- und Arbeitswelten. Wenige zeitgenössische Choreograf*innen haben ein so prägnantes gesellschaftlich-historisches und gleichzeitig zeitgenössisches Körperarchiv angelegt wie Wen Hui. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Generationen, zwischen einer tabuisierten Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen den Tanzstilen von Revolutionsballett und zeitgenössischem Tanz. Dabei widmet sie sich insbesondere dem weiblichen Körper, fordert auf sanfte Weise die genaue Betrachtung und Würdigung der gesellschaftlichen Rolle der Frau ein.» ...

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Tanz Oktober 2021
Rubrik: China, Seite 40
von Thomas Hahn

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