Chris Dercon

Volksbühne: Ein Tanzhaus?

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Die Volksbühne Berlin werde unter der neuen künstlerischen Leitung von Chris Dercon und Marietta Piekenbrock mehr Tanz in ihre DNA aufnehmen. So versprach’s der Choreograf Boris Charmatz und beglaubigte das selbst mit seiner mehrteiligen Eröffnung auf der temporären Außenspielstätte Tempelhof. Dreimal Tanz noch vor der ersten Sprechtheaterpremiere: ein starkes Signal, wenn man von Frank Castorf eine der profiliertesten Theaterbühnen übernimmt.



Doch bringt Chris Dercon den Tanz tatsächlich voran? Wird die Volksbühne gar zum «Tanzhaus», wie manche Gegner befürchteten? Wohl nicht. Für ein ernsthaftes Engagement bräuchte es mehr als die zwei assoziierten Choreografen Boris Charmatz und Mette Ingvartsen oder gelegentliche Kooperationen mit Jérôme Bel und Anne Teresa De Keersmaeker. Ein Tanzhaus, das die Bedürfnisse der lokalen Szene mit internationalen Entwicklungen zusammendenkt, Produktion und Präsentation ebenso ermöglicht wie Gastspiele, will die neue Volksbühne gar nicht sein – so wenig wie ein dem Repertoirebetrieb verpflichtetes Stadttheater. Programmatisch scheint alles auf den Gemischtwarenladen hinauszulaufen, mit dem Dercon seit seiner Berufung 2015 assoziiert wurde. Als «kulturelle Plattform», die «Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen unter einer Dachmarke versammelt», ließ der Neu-Intendant sein Haus vom Berliner Kulturausschuss kürzlich umetikettieren. Tanz? Gab es auch schon unter Castorf, der zeitweise Johann Kresnik und Meg Stuart ans Haus holte.

Lauwarm angetreten sind Dercon und Piekenbrock, mit international erfolgreichen Tanzschaffenden, die eine sehr spezifische Ästhetik vertreten – konzeptuell gedacht, wirkungskalkuliert und diskursfest, museums- wie theatertauglich. In Berlin haben sie ihre Erfolgsgeschichte aber längst geschrieben: Boris Charmatz zeigte frühe Arbeiten schon ab 2000 bei «Tanz im August»; 2014 stand der heute 44-Jährige bei den «Foreign Affairs» der Berliner Festspiele im Fokus. Mette Ingvartsen und Anne Teresa De Keersmaeker sind dem HAU eng verbunden; dort war Ingvartsen noch im Februar mit einer Werkschau zu Gast. Jérôme Bels Dauerbrenner «The show must go on» gastiert im Dezember in der Volksbühne, lief aber bereits 2001 bei «Tanz im August». Und Tino Sehgal ist ein Berlin-Gewächs, er hat im Volksbühnen-Jugendclub P14 erstmals getanzt und galt vor Ort als Choreograf, bevor er die Museen enterte.

Die neue Volksbühnen-Leitung hat all das scheinbar geflissentlich übersehen. Aber wer alte Bekannte als neue Freunde annonciert, darf sich über Kritik nicht wundern. Verhalten reagierte Berlins Tanzszene auch auf die Kontaktlosigkeit – verzichtbar schien den Neuen eine tragfähige Vernetzung in die Stadt. Nach anfänglichem Aufmerksamkeitsgewinn für den zeitgenössischen Tanz auch aus Theaterkreisen muss man befürchten, dass punktuelle Programmpolitik und katastrophale Kommunikationskultur die Vorurteile gegenüber der Kunstform Tanz stadtweit eher bestätigen. Vom nicht ernstzunehmenden Herumhops-Event war nach Charmatz’ eintrittsfreiem Open-Air-Fest «Fous de danse» wieder zu lesen.

Fahrlässig könnte man es nennen, wie Charmatz im Alleingang die Eröffnungswochen stemmen musste und vor dem Hintergrundrauschen des entfesselten Theaterstreits seinen Ruf riskierte. Leere gähnt auf dem Spielplan, derweil rund um die Eröffnung eine Petition die Neudiskussion der Volksbühnen-Zukunft verlangte und das zur Probebühne herabgestufte Haus am Rosa-Luxemburg-Platz von gentrifizierungskritischen «Artivistinnen» besetzt wurde. Das unverantwortliche Agieren der Berliner Kulturpolitik beiseite gelassen, muss man Dercon wohl tatsächlich Ignoranz bezüglich seines Arbeitskontexts attestieren: Was im Museum revolutionär sein mochte – ortsspezifische, diskursive, transdisziplinäre Projekte zur Belebung von Ausstellungsräumen wie der Tate Modern, die er leitete – ist aus Tanz- und Theatersicht nicht nur abgegessene Avantgarde, sondern ein Verkennen der institutionellen Struktur. Egal ob Sprechtheater oder Tanzhaus: Eine Bühne muss mit Leben gefüllt und also beständig bespielt werden. Mit mehr Tanz, Performance oder mehr Theater. Auf jeden Fall mit mehr.



Tanz November 2017
Rubrik: Menschen, Seite 32
von Elena Philipp

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