Zwischen Ufern

Der Arabische Frühling begann vor sechs Jahren. Mit ihm ging ein gewaltiges Beben durch fast alle Mittelmeer-Regionen. Der Tanz wanderte aus, vor allem nach Frankreich. Die Künstler leben nun im Spagat zwischen den Kulturen – und überschreiten trennende Linien

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Radhouane El Meddeb steht auf einem Teppich aus weißem Ziegenleder, wendet dem Publikum seinen entblößten Rücken zu und starrt in die Ferne. Links liegt, ebenfalls weiß, eine Skulptur: ein toter Ziegenkörper. Erinnerung an das ländliche Tunesien? El Meddeb begann seine Laufbahn als Schauspieler, Regieassistent und Dramaturg in Tunis, bevor er sich im Alter von 26 Jahren in Frankreich niederließ. «Dort konnte ich mich zu meinem Wunsch bekennen, mich dem zeitgenössischen Tanz zu widmen.

» Der lederne Boden, auf dem er nun gen Horizont und Sterne tanzt, hat die typischen Umrisse eines Staats zwischen Meer und Wüste. Vorne eine unregelmäßige Küstenlandschaft, hinten schnurgerade Grenzlinien, wie mit dem kolonialen Lineal gezogen.

Nicht immer kreisen seine Stücke um die Folgen der Auswanderung. Doch seit 2011 ist seine persönliche Situation leitmotivisches Thema. Sein neuestes Solo, vorgestellt beim Festival «Montpellier Danse», trägt einen vielsagenden Titel, der übersetzt bedeutet: «An meinen Vater – ein letzter Tanz und ein erster Kuss». Hätte El Meddeb keine Tanzkarriere in Europa angetreten, wäre es ihm vielleicht vergönnt gewesen, sich von seinem Vater zu verabschieden, der kurz ...

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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Politik: Unter Spannung, Seite 52
von Thomas Hahn

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