Zwischen Ufern
Radhouane El Meddeb steht auf einem Teppich aus weißem Ziegenleder, wendet dem Publikum seinen entblößten Rücken zu und starrt in die Ferne. Links liegt, ebenfalls weiß, eine Skulptur: ein toter Ziegenkörper. Erinnerung an das ländliche Tunesien? El Meddeb begann seine Laufbahn als Schauspieler, Regieassistent und Dramaturg in Tunis, bevor er sich im Alter von 26 Jahren in Frankreich niederließ. «Dort konnte ich mich zu meinem Wunsch bekennen, mich dem zeitgenössischen Tanz zu widmen.
» Der lederne Boden, auf dem er nun gen Horizont und Sterne tanzt, hat die typischen Umrisse eines Staats zwischen Meer und Wüste. Vorne eine unregelmäßige Küstenlandschaft, hinten schnurgerade Grenzlinien, wie mit dem kolonialen Lineal gezogen.
Nicht immer kreisen seine Stücke um die Folgen der Auswanderung. Doch seit 2011 ist seine persönliche Situation leitmotivisches Thema. Sein neuestes Solo, vorgestellt beim Festival «Montpellier Danse», trägt einen vielsagenden Titel, der übersetzt bedeutet: «An meinen Vater – ein letzter Tanz und ein erster Kuss». Hätte El Meddeb keine Tanzkarriere in Europa angetreten, wäre es ihm vielleicht vergönnt gewesen, sich von seinem Vater zu verabschieden, der kurz ...
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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Politik: Unter Spannung, Seite 52
von Thomas Hahn
Dem Tanz haftet – vielleicht wie keiner anderen Kunstform – der Nimbus einer universellen Sprache an. Grenzüberschreitend soll er die Menschheit verbinden und – so die Mission des Welttanztages der UNESCO – zum Weltfrieden führen. Der 29. April dient alljährlich dazu, «alle Formen des Tanzes an diesem Tag zu vereinen, den Tanz zu feiern, seine Globalität...
In einer Spielzeit, in der die Diskussion um die mangelnde Sichtbarkeit von Choreografinnen und deren Kreationen auf britischen Tanzbühnen zum Teil künstlich hochgepusht wurde, hat sich paradoxerweise genau das Gegenteil eingestellt: Selten sind so viele Vertreterinnen dieser Zunft in Erscheinung getreten, so jüngst auch eine Tänzerin des Scottish Ballet – Sophie...
Man weiß nicht, was zuerst da war, der Tanz oder die Trance, doch irgendwann gab es ein kleines Grüppchen Frauen, Männer und Kinder, das auf der Suche nach Nahrung durch trostlose, feindliche Lande zog, den Rentierrudeln auf ihren Wanderungen folgend. Und das, wenn es rastete oder sein Lager aufschlug, jene paradoxe Darbietung erlebte, die darin besteht, zu...
