Zerreißprobe
John Neumeier, Sie sind gerade mit dem Hamburg Ballett in Los Angeles – und zeigen dort zwei sehr unterschiedliche Stücke, nämlich «Bernstein Dances» und «Matthäus-Passion» …
und trotzdem ist da eine Verbindung: In «Bernstein Dances» gibt es ein «Spirit» betiteltes Kapitel, dort tragen die Männer die gleichen Hosen wie in der «Matthäus-Passion». Das ist ein Zeichen, ein Signal: Über alle Unterschiede hinweg, gibt es nur die eine Welt. Das passt in der Tat zu der Situation, die wir gerade erleben.
Sie haben in einem Statement klare Worte gefunden, haben angesichts des ukrainischen Schicksals Mitgefühl, Entsetzen und Hilfsbereitschaft zum Ausdruck gebracht – zugleich sind Sie künstlerisch schon lange mit Russland verbunden. Sie haben die Tschaikowsky-Klassiker neu ausgedeutet, «Die Kameliendame» und «Anna Karenina» sind im Repertoire des Bolschoi. Wann haben Sie Russland für sich entdeckt?
Das war in den frühen 1960er-Jahren, als ich immer wieder zu meiner Lehrerin Vera Volkova nach Kopenhagen fuhr. Sie war selbst 1929 aus der Sowjetunion geflohen und hat viel über Russland erzählt. Wobei ihr eine Geschichte besonders wichtig war: Sie wollte immer eine Schublade für sich allein – ...
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Tanz April 2022
Rubrik: Ukraine-Krieg, Seite 6
von Dorion Weickmann
Mikhail Kaniskin, Sie waren Principal des Stuttgarter Balletts und zuletzt beim Berliner Staatsballett, Ihre Frau ist dort ebenfalls Erste Solistin, Sie leben seit vielen Jahren in Deutschland. Aber geboren sind Sie in Moskau – und Sie unterhalten enge Verbindungen sowohl nach Russland als auch in die Ukraine. Und zwar nicht nur innerhalb der Tanzwelt.
Meine Mutter...
Es ist ein gutes Jahr her, dass Sie am Moskauer Bolschoi-Theater das Ballett «Orlando» erarbeitet haben. Aus dieser Zeit werden sich Kontakte erhalten haben. Wie erleben Sie die derzeitige Situation im Widerhall der Ihnen bekannten Tänzer und Tänzerinnen?
Ich persönlich bin vor allem mit jenen west- oder nichteuropäischen Tänzern und Tänzerinnen im engen Kontakt,...
Nordhausen entwickelt sich zu einem kreativen Tanzzentrum von überregionaler Ausstrahlung. Seit 2016 leitet Ivan Alboresi eine zwölfköpfige, zur laufenden Spielzeit fast zur Hälfte erneuerte Kompanie und ist Motor für ein ganz im Heute wurzelndes Repertoire. Nach einer fulminanten «Carmen»-Version zu Saisonbeginn bestätigt er mit einem Zweiteiler den hohen Standard...
