Zerreißprobe

John Neumeier, Intendant des Hamburg Ballett, über seine Beziehung zu Russland unter den Vorzeichen des Krieges. Ein Gespräch

John Neumeier, Sie sind gerade mit dem Hamburg Ballett in Los Angeles – und zeigen dort zwei sehr unterschiedliche Stücke, nämlich «Bernstein Dances» und «Matthäus-Passion» … 
und trotzdem ist da eine Verbindung: In «Bernstein Dances» gibt es ein «Spirit» betiteltes Kapitel, dort tragen die Männer die gleichen Hosen wie in der «Matthäus-Passion». Das ist ein Zeichen, ein Signal: Über alle Unterschiede hinweg, gibt es nur die eine Welt. Das passt in der Tat zu der Situation, die wir gerade erleben.

Sie haben in einem Statement klare Worte gefunden, haben angesichts des ukrainischen Schicksals Mitgefühl, Entsetzen und Hilfsbereitschaft zum Ausdruck gebracht – zugleich sind Sie künstlerisch schon lange mit Russland verbunden. Sie haben die Tschaikowsky-Klassiker neu ausgedeutet, «Die Kameliendame» und «Anna Karenina» sind im Repertoire des Bolschoi. Wann haben Sie Russland für sich entdeckt? 
Das war in den frühen 1960er-Jahren, als ich immer wieder zu meiner Lehrerin Vera Volkova nach Kopenhagen fuhr. Sie war selbst 1929 aus der Sowjetunion geflohen und hat viel über Russland erzählt. Wobei ihr eine Geschichte besonders wichtig war: Sie wollte immer eine Schublade für sich allein – ...

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Tanz April 2022
Rubrik: Ukraine-Krieg, Seite 6
von Dorion Weickmann

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