Wider die pastorale Betulichkeit

Dirk Neumann: «SchlechtBehüteteTochter # Hérold» in Cottbus. Neue Termine im Frühjahr 2010.

Tanz - Logo

Revolutionär war «La fille mal gardée» bei der Uraufführung 1789 in Bordeaux, zwei Wochen vor dem Sturm auf die Bastille, weil statt mythologischer Heroen bürgerliche Normalos auf der Bühne standen und im Liebeskampf die Armen für sich gewannen. In Cottbus raubt Dirk Neumann der alten Dame die pastorale Betulichkeit und holt sie mit den acht Tänzern seines Ensembles in die Hippiezeit. Seine «SchlechtBehüteteTochter # Hérold» und deren Mutter leben in miefigem Ambiente: Vaterportrait auf Ornamenttapete, Kuschelsofa übereck.

Übereck hat Neumann auch fürs 100-jährige Cottbuser Theater choreografiert, platziert Zuschauer mit auf die Kammerbühne. Weil bei Lisas Auftritt die Platte mit Hérolds Originalmusik hakt, legt sie End-1960er-Pop auf. Ihre Mutter mit den längsten und schönsten Beinen des Abends wedelt Staub von den Möbeln. Nach einem simplem Lisa-Solo zum schwermütigen «Nights in White Satin» der Moody Blues setzt Colas mit einem Purzelbaum durchs offene Fenster, bringt als Lederrocker Wind in die abgestandene Stubenluft und zieht seine Freundin zu Procol Harums «A Whiter Shade of Pale» keck zwischen den Beinen durch. Nur der Mutter schwebt Höheres vor.

In einer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2009
Rubrik: Repertoire, Seite 38
von Volkmar Draeger

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jenseits

Kein menschlicher Körper ist wirklich symmetrisch. Sind zwei Beine gleich? Ist ein Arm nicht etwas länger? Ist Symmetrie nur ein Ideal? In der Architektur und im Ballett sorgt sie deshalb für den Eindruck von Harmonie, weil man von Symmetrie in jeder Beziehung zwischen zwei Menschen träumt. Doch wie symmetrisch ist eine Ehe, wie symmetrisch sind zwei Körper...

Hinter den Kulissen

Die 30. Saison des Maison de la danse in Lyon wird die letzte von Guy Darmet sein. Der Gründer des Hauses legt zugleich auch die Leitung der Biennale de la danse nieder. Ein Nachfolger, der beide Flaggschiffe mit so viel natürlicher Autorität und Ausstrahlung leiten kann, dürfte schwer zu finden sein. Der Posten wird nun international gesucht. Die Bewerbungsfrist...

Eonnagata

Robert Lepage, dessen Name in deutschen Feuilletons nie ohne den Zusatz «der Theatermagier» vorkommt, ist bekannt dafür, dass seine Stücke bei der Premiere nicht fertig sind. Seit jeher begreift er seine Arbeiten als work in progress. Und weil der Weg das Ziel ist und die Kunst wie das Leben ein Fluss in Bewegung, erweitert, kürzt und ändert er seine Stücke bis zur...