Wider die pastorale Betulichkeit
Revolutionär war «La fille mal gardée» bei der Uraufführung 1789 in Bordeaux, zwei Wochen vor dem Sturm auf die Bastille, weil statt mythologischer Heroen bürgerliche Normalos auf der Bühne standen und im Liebeskampf die Armen für sich gewannen. In Cottbus raubt Dirk Neumann der alten Dame die pastorale Betulichkeit und holt sie mit den acht Tänzern seines Ensembles in die Hippiezeit. Seine «SchlechtBehüteteTochter # Hérold» und deren Mutter leben in miefigem Ambiente: Vaterportrait auf Ornamenttapete, Kuschelsofa übereck.
Übereck hat Neumann auch fürs 100-jährige Cottbuser Theater choreografiert, platziert Zuschauer mit auf die Kammerbühne. Weil bei Lisas Auftritt die Platte mit Hérolds Originalmusik hakt, legt sie End-1960er-Pop auf. Ihre Mutter mit den längsten und schönsten Beinen des Abends wedelt Staub von den Möbeln. Nach einem simplem Lisa-Solo zum schwermütigen «Nights in White Satin» der Moody Blues setzt Colas mit einem Purzelbaum durchs offene Fenster, bringt als Lederrocker Wind in die abgestandene Stubenluft und zieht seine Freundin zu Procol Harums «A Whiter Shade of Pale» keck zwischen den Beinen durch. Nur der Mutter schwebt Höheres vor.
In einer ...
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