Wetterfühlig
Bereits im Eröffnungsduett ihrer Arbeit «Meteorite» wird auf wunderbare Weise die breite ästhetische Palette der Choreografin Kirsten Wicklund deutlich: Die Frau trägt Spitzenschuhe, was die leichte Aufwärts-Energie ihrer Retirés begünstigt, während der Mann barfuß und vornübergebeugt fest auf den Boden tritt. Und doch passen die beiden, wie sie da im leisen Surren der hell erleuchteten Bühne stehen, hervorragend zusammen.
Nicht nur, weil sie gleich gekleidet sind – beide tragen kurze, feuerwehrrote Fransenröcke –, sondern auch, weil sie ein identisches Port de bras ausführen. Ein stimmiges Paar mit faszinierendem inneren Antrieb.
Wicklund kreierte «Meteorite» 2024 für das Ballet Edmonton, eine kleine Truppe in der kanadischen Provinz Alberta, deren Künstlerische Leitung sie seinerzeit innehatte. Die Funktion führte ihr hautnah vor Augen, wie wichtig ein unterstützender, fürsorglicher Leitungsstil ist. Auf die Bedürfnisse der Tänzer*innen und der von ihr beauftragten Choreograf*innen zu achten, erwies sich als Schlüssel, um jene umfassende künstlerische Kultur zu etablieren, die Wicklund so bewundert.
Klassische Grundlagen
2014 trat sie als Tänzerin dem Ballet BC unter der Direktion von Emily Molnar bei und war von der dort vorherrschenden Arbeitsatmosphäre beeindruckt: «Ich fand es toll», erinnert sie sich, «wie Emily den Raum für uns Künstlerinnen und Künstler gestaltete und bewahrte. Die Arbeit, die wir machten, verblieb im Zentrum des Raumes. Und die Arbeitsweise selbst, die Dynamik, das war etwas, was ich wirklich schätzte.»
Wicklund wuchs in Surrey, British Columbia auf, einem Vorort von Vancouver. Mit dem Tanztraining begann sie als Zwölfjährige in einem Studio für Jazz- und Stepptanz. In dem Augenblick, als sie das Ballett für sich entdeckte, «nahm es mich total gefangen», erzählt sie. «Ich nahm bis spät abends Unterricht, um den Vorsprung meiner Altersgenoss*innen aufzuholen.» Dann wechselte sie an die Goh Ballet Academy in Vancouver, die für ihr strenges klassisches Balletttraining bekannt ist. Außerdem reiste sie zu diversen Summer Schools, um «die klassischen Grundlagen in meinem Körper zu verankern».
Mit etwa 15 Jahren richtete Wicklund ihr Training noch breiter aus, indem sie zu «Modus Operandi» ging, einem von David Raymond und Tiffany Tregarthen (tanz 2/23) geleiteten zeitgenössischen Ausbildungsprogramm. «Dort kam ich mit Arbeitsweisen in Kontakt», erklärt Wicklund, «die mir bei meinem Balletttraining noch nicht begegnet waren. Ich verbrachte viel Zeit mit David und Tiffany im Studio, wo die beiden Ideen entwickelten, die sie in choreografischer Hinsicht interessierten. Dadurch wurden natürlich unsere schöpferischen Skills geschult.»
Kanada und Belgien
Erste Choreografie-Aufträge kamen vom Ballet Kelowna, einer Compagnie, die in der Region Okanagan in British Columbia beheimatet ist, sowie aus Belgien vom hausinternen Choreolab des Opera Ballet Vlaanderen. Wicklund war dort von 2021 bis 2024 als Tänzerin engagiert und liebte den täglichen Unterricht mit Spitzenschuhen ebenso wie das Tanzen einer ganzen Reihe von für sie neuen Stücken aus dem zeitgenössischen Repertoire. Pina Bauschs «Frühlingsopfer» erinnert sie als ein Highlight: «Dieses Werk besitzt ein unglaubliches Maß an Präzision, zugleich aber auch ein ungeheures Maß an Loslassen. Beim Einstudieren wurden die Bewegungen auf die noch so kleinsten Einheiten heruntergebrochen. Eine unglaubliche Herausforderung.» Was von den Tänzer*innen im Einzelnen verlangt wurde, beschreibt Wicklund heute als «Schönheit» und «Strenge».
Als wir uns im zurückliegenden April zum Gespräch trafen, war Kirsten Wicklund gerade dabei, die Leitung des Ballet Edmonton nach nur zwei Jahren wieder abzugeben. Allzu viel wollte sie über ihre Beweggründe nicht preisgeben, räumte aber ein, dass sie sich auf infrastruktureller Ebene mehr Unterstützung wünsche: «Mir schwebt vor, in größeren Dimensionen zu arbeiten, um meine Vision wirklich umsetzen zu können.» Zu dieser Vision zählt offenbar, irgendwann einmal eine noch größere Führungsrolle im Bereich Tanz zu übernehmen. Im Augenblick allerdings ist die 36-Jährige vollauf damit beschäftigt, ihre choreografischen Ambitionen zu verfolgen. Das Magazin «Bachtrack» hat ihren Einstand als Tanzschaffende mit der Kreation «Field» 2024 beim Opera Ballet Vlaanderen als «kühnes choreografisches Debüt auf der großen Bühne» bezeichnet. Ein Jahr später folgte dann die Premiere ihres «Firebird» bei einer der großen kanadischen Compagnien, dem Alberta Ballet.
Die jüngste Wicklund-Premiere ging Anfang Mai mit dem Ballet of Difference am Staatstheater Nürnberg über die Bühne: «Overcast» ist ein stimmungsvolles, meditatives Werk und erblickte zunächst im Rahmen eines von Molnars Nachfolger Medhi Walerski initiierten choreografischen Labs beim Ballet BC das Licht der Welt. «Wenn ich ein Stück baue», verrät Wicklund, «lasse ich mich häufig von der Vorstellung von Atmosphären im Raum inspirieren. Im ursprünglichen Duett fühlt sich das an, als ob wir uns in einer bestimmten Art von Wettersystem befinden.» Im zweiten Teil der erweiterten Fassung für sechs Tänzer*innen wollte sie sodann eine Welt erschaffen, «in der das Wetter komplett anders ist».
Im September wird im Rahmen der Mixed Bill «Legacies» eine Kreation von Wicklund zu Willem Jeths’ Komposition «Monument to a Universal Marriage» bei Het Nationale Ballet uraufgeführt werden. Dort hat sich die Choreografin zum Ziel gesetzt, die klassische Virtuosität der Tänzer*innen mit einem sinnlich orientierten Ansatz zu verbinden. «Ich bin gespannt, was das geben wird», sagt Wicklund, und man spürt: Sie kann es schon jetzt kaum erwarten, einer Fülle von neuen kreativen Eingebungen nachzugehen.
Aus dem Englischen von Marc Staudacher
«Overcast» läuft wieder in Nürnberg, Opernhaus, im Rahmen des Dreiteilers «Les Ballets Actuels», zusammen mit Richard Siegals «My Generation» und Justin Pecks «Hurry Up, We’re Dreaming», 4., 12., 18., 26. Juni, 1. Juli; www.staatstheater-nuernberg.de
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Auditions
Folkwang Tanzstudio, Essen
is looking for young, contemporary dancers (m) for season 2026/27 B.A. or M.A.-degree is required. Audition: Monday, 29 June, Essen (by invitation only)
Registration: Deadline: 15 June
E-mail: tanz@folkwang-uni.de
www.folkwang-uni.de/home/tanz/folkwang-tanzstudio
Fortbildung
The EUROLAB Certificate Program in Laban/Bartenieff Movement Studies (LBMS)
is...
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