Von Insel zu Insel

Martin Schläpfer gibt seinen Einstand als Chef des Wiener Staatsballetts mit Gustav Mahlers Vierter Sinfonie, Hans van Manen legt ein vielschichtiges Kammerspiel dazu – beides zusammen ist «Mahler, live». Den Premieren-Stream gesehen hat Hartmut Regitz

Die Wiener Staatsoper. Noch vor der Vorstellung fällt das Auge auf die menschenleere Eingangshalle. Vorbei geht es an einer Säule, die in «Live» von Hans van Manen eine Rolle spielt. Noch liegt das Haus im Dunkeln, nur die Pianistin ist zu sehen. Shino Takizawa, die wenig später Klavierstücke von Franz Liszt spielt, verbeugt sich vor einem imaginären Publikum.

Niemand klatscht, und doch sind einige Zuschauer im Saal, die von der Kamera Henk van Dijks im Vorbeigehen erwischt werden, während Olga Esina bereits die Bühne betritt: eine wunderbare Tänzerin in einem aufregend roten Kleidchen, das so nur ein Keso Dekker entworfen haben kann. Sie scheint sich zu entfernen und kommt doch dem Betrachter ganz nah: im projizierten Bild, von van Dijks Kamerablick ins Riesenhafte vergrößert. Fast hat man den Eindruck, als belauere der Kameramann sie aus dem Hinterhalt, und doch herrscht von Anfang an zwischen beiden ein lächelndes Einvernehmen, wie man in einer anderen Szene sieht: eine offene Zweierbeziehung, die durchaus etwas Erotisches hat. Olga Esina ist sich jedenfalls der Wahrnehmung immer bewusst, und je mehr sie sich die Musik einverleibt, desto bewusster wird sie sich ihrer ...

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Tanz Januar 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 13
von Hartmut Regitz

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