Verführung
Zwei Stunden komplett aus der Welt herausfallen? Kriege, Krisen und Konflikte wegblenden, abschalten, ausknipsen? Mit 70000 Fans im Berliner Olympiastadion abwechselnd auf einen Bühnenwinzling und zwei Riesenscreens starren, während die Füße wehrlos mittanzen – geht das? Ist das erlaubt, legitim und vertretbar angesichts einer Gegenwart, die ziemlich ungebremst auf einen selbstgemachten Abgrund zusteuert, der Sigmund Freuds Todestrieb-These geradezu mustergültig untermauert? Und überhaupt: Wie viel Kunst steckt in dieser durch und durch kommerziellen Veranstaltung, die mitten in die
norddeutsche Gluthitzeperiode Ende Juni fällt?
Lauter Fragen, die sich im Handumdrehen in Nichts auflösen. Die gleichsam in der wogenden Menge verdampfen, die beim ersten von insgesamt drei Bruno-Mars-Konzerten die Tribünen erbeben lässt: Abheben ins Retro-Nirwana, angekündigte Verweildauer zwei Stunden. An Ort und Stelle liefert der in Honolulu geborene, in Kalifornien residierende, zuletzt Las Vegas becircende Bruno Mars das Reenactment (inklusive Update) eines glücklicheren Zeitalters: jener freiheitstrunkenen Jahre, die im Panikraum der HIV-Epidemie zu Ende gingen. Übrig blieb das magnetische Nachglühen einer Supernova. Mars, seit gut eineinhalb Jahrzehnten mit zahlreichen Buddys im Showbiz unterwegs, ist die leibhaftige Reinkarnation der Ära von Funk, Soul und R’n’B, jener Sexhymnen und Liebesballaden, die die Gen Z so faszinieren wie die Alterskohorte ihrer Erzeuger. Songs, die – ob queer, ob straight – sämtliche Genderismen sprengen, weil sie letztlich allein der Black Community so gut wie alles verdanken: Inspiration, Genialität, Großzügigkeit und Welterfolg. Soweit der kulturelle Horizont, auf dem das Mars-Phänomen balanciert.
Dass es das Publikum im Sturm erobert, hat allerdings mit dem Charisma eines Sängers, Songwriters, Musikers und Performers zu tun, der ein Lächeln auf jedes Gesicht zaubert. Der – ob Zornes- oder Depressionsfalten – allen Unmut wegbügelt. In Berlin also rund ums Olympiastadion nichts als strahlende Augenpaare, 200000-fach. Ausverkauftes Haus. Drei Tage lang macht «The Romantic Tour» hier Station: An die 40 Auftritte in Nordamerika, Europa, Großbritannien plus Nachklapp in Fernost gehören zur PR-und-Merch-Maschine für das im Februar veröffentlichte Studioalbum «The Romantic», das Mars fast zehn Jahre in der Mache hatte: fein abgemischter Latin Pop mit Fun- und Funkfaktor. Kann man sich aufs Ohr legen – und gut.
Wer indes die Karriere des 40-Jährigen samt seiner superprofessionellen Clips verfolgt und Mega-Warteschlangen beim Online-Ticketing abgesessen hat, der zählt zu jenen Maniacs, die Mars und seinem Management vom Start weg einen Rekordabsatz bescheren: 2,1 Millionen Karten vertickt, schon am allerersten Verkaufstag. Vielleicht kaum überraschend für einen Showman der Extraklasse, der sich von Kindheit an massenattraktiv präpariert hat und heute mit allen Tools jongliert, die ein Kunstkomplize beherrschen muss.
Kunstkomplizenschaft? Trotz beinhart kommerzieller Interessen? Genotypische Merkmale – wie etwa: Aufschlagen mit kritischer Message – ziehen hier kaum. Phänotypische Kriterien treffen dagegen ins Schwarze: virtuoses Spiel auf der Tausendsassa-Klaviatur, totale Souveränität im Scheinwerferlicht, dazu die leger kaschierte Perfektion eines Ballerinos zzgl. stilistischer Vielfalt im Tanzregister. Und dann ist da noch der Teamplayer: Seite an Seite mit seinen Bros – Label: «The Hooligans» –, die spektakulären Instrumentalsound plus synchrone Power-Moves liefern, produziert Bruno Mars ein optisches und akustisches Ereignis, dessen Abdruck im Netz gewaltig einschlägt und sich ins Gedächtnis abertausender Augenzeugen einbrennt.
Apropos Augenzeugen: Die Präsenzfrage ist der einzige, allerdings ziemlich fette Wermutstropfen im Mars-Cocktail. Ticketpreise bis zu mehreren hundert Euro blockieren naturgemäß barrierearme Zugänge. Hier stößt der Pop, die Pop-Kultur an ein Limit namens Gewinnmaximierung. Unter dem Gratis-YouTube-Diktat und angesichts magerer Streaming-Erlöse sind Konzerte so ziemlich die letzten Pfründe, die Ertrag abwerfen. Auch da darben zwar viele Künstler, aber Stars streichen noch immer Profite in beträchtlicher Höhe ein.
Mars soll ein geschätztes Vermögen zwischen 200 und 300 Millionen US-Dollar und ein gut bestücktes Immobilienportfolio besitzen – nix Genaues weiß man nicht. Überhaupt lassen sich die belastbaren Bio-Fakten an zwei Händen abzählen: Aufgewachsen als Peter Gene Hernandez mit fünf Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen – Mutter Hula-Tänzerin, Vater Musiker. Schon im Steppke-Stadium als Elvis-Imitator unterwegs, mit der Familienband «The Love Notes» auf Hawaii getingelt. Bruder Eric sitzt an den «Hooligans»-Drums, den Namen der 2013 verstorbenen Mutter Bernadette hat Mars sich auf die rechte Schulter tätowieren lassen, Vater Pete ziert den linken Bizeps. Ein paar weitere Tattoos vermeldet die Klatschpresse und gelegentlich auch Nachrichten über die mediterran designte Traumvilla bei Los Angeles, die Mars in der Nachbarschaft von Hollywood-Beau George Clooney gekauft hat. Was das Liebesleben angeht, soll die langjährige Liaison mit der Schauspielerin Jessica Caban vergangenes Jahr zerbrochen sein – weder bestätigt noch dementiert. Mars schottet seine Privatsphäre ab: keine Paparazzi, keine Kameras, roter Teppich nur ausnahmsweise bei Anlässen wie den Grammys.
Heißt umgekehrt: die öffentliche Figur Bruno Mars existiert ausschließlich als Stimme und Headliner on tour. Als Zentralgestirn eines Acts, der trotz tropischer Temperaturen die Berliner Arena füllt: Alle Hautfarben, alle Generationen, alle m/w/d-Fraktionen und intersektionalen Erweiterungen sind vertreten – Schaulaufen mit Rosen oder Bandana im Haar, in roten Glitzer-Tops und schwarzen Shorts. Wie es dem Dresscode entspricht, den das Mars-Marketing albumflankierend verordnet hat – auch dem Entertainer: Bruno Mars trägt Anzug, erst rot, dann weiß, spätabends schwarz. Der Couture-Wechsel gliedert die Dramaturgie, die alte hinter neue Hits schaltet und mit Glitterkanonaden, Feuerfontänen, Lasergewittern eskortiert. Aber zuerst gibt der Performer auf geschmeidigen Sneaker-Sohlen den Opener, Kirchenfensterkulisse im Rücken: die hochzeitsselige Rumba «Risk It All». Mit einer hüftbetonten Cucaracha-Drehung hat es hier sein Bewenden, bevor Bruno Mars bei «Cha Cha Cha» den Bewegungsregler voll aufzieht.
Aufreizend beiläufig
Wiegeschritt, Spot Turns, Locksteps, New Yorker – die elementaren Latino-Figuren werden mit einer Lässigkeit fernab turnierartistischer Anstrengung über die Rampe geschlenzt. Sie streifen den standardkonformen Staccato-Akzent ab, werden um Nanosekunden verzögert und aufreizend beiläufig serviert. Es ist der Körper, der die Musik und ihre Phrasierung anzutreiben scheint, nicht umgekehrt. «Cha Cha Cha» wirkt wie die lebendige Illustration einer Praxis, die Richard Shusterman 2012 als «Thinking Through the Body» beschrieben hat: das dionysische Prinzip als Leitmotiv der pop-performativen Ästhetik, die den Betrachter regelrecht berauscht. Zugleich aber gerät ein semiotischer Loop in Schwingung: die Verführung via Ritual und Zeichen, von Jean Baudrillard schon vor drei Jahrzehnten unter das philosophische Brennglas gelegt. Im Grunde bebildert der «Romantic»-Auftritt ein Paradox: expressive Amplituden, getarnt unter so glamourösen wie sorgsam geglätteten Oberflächen. Dafür zeichnet der Choreograf Phil Tayag verantwortlich, Langzeitkomplize des Protagonisten, dem er nordkalifornische Nonchalance beigebracht hat: Swing und federnden Smeeze aus der Bay Area, der mit Latino-Rhythmen bestens harmoniert.
Das choreografische Setting ist eine Fusion aus Urban Styles, Hip-Hop und präzise verhakten Kombinationen, die Bruno Mars mit der Ausdauer eines Duracell-Hasen vorführt. Wobei er die Ökonomie der Verschwendung im Griff behält, die Totalverausgabung seiner Ressourcen verhindert: durch einen fiktiven Median in Taillenhöhe, der das Bewegungszentrum abwechselnd nach oben oder unten verschiebt. Also stürmt die nächste Nummer – «On My Soul» – vom «Cha Cha Cha»-Parterre aufwärts und steuert den Groove mit Armzirkeln und -stretches. Die Beine sind mit schlichten Manövern der Gewichtsverlagerung beschäftigt, um erst gegen Ende wieder sprungaktiv einzusteigen. Nahtlose Überleitung zu den Bling-Bling-Hits «24K Magic» und «Treasure», mit subtiler Fußarbeit gekoppelt: Der Sneaker schnellt auf die Spitze, die Ferse kommt zum robusten Einsatz, immer von wippenden Bounces untermalt. Danach tropft dem Mann zwar der Schweiß von der Stirn, und das klatschnasse Hemd saugt sich in seinen Ellenbeugen fest. But the show must go on – Shift Richtung Disco-Empowerment mit dem hüftelastisch getunten «I Just Might», um danach ein bittersüßes Beziehungstief mit verhaltener Körperrhetorik zu besingen – «Why You Wanna Fight?». Der physische Minimalismus triggert technischen Maximalausstoß: champagnerfarbenes Glitzergewölk bestäubt die Luft.
Jukebox
Virtuos plündert Mars die Jukebox von Motown-Funk bis Reggae, ungeniert wildert er in den ewigen Jagdgründen der Poptitanen, bei Michael Jackson, Bob Marley, James Brown oder Prince. Als Tänzer sprintet er übers Metropolenpflaster der Siebziger- bis Neunzigerjahre – derart ansteckend, dass die kollektive Motorik zündet: Bei weit über dreißig Grad Celsius wirft sich das ganze Olympiastadion mit voller Schubkraft in die Bruno-Rhythmen. Bejubelt den multitalentierten Mr. Mars, der nacheinander die Bongos bearbeitet, rasante Riffs auf der E-Gitarre drechselt und schließlich die Tasten des Flügels streichelt, während er mit samtweicher Stimme Lady Gaga ersetzt: «Die With A Smile». Abertausende von Handylichtern antworten im Takt, erleuchten zart die hereinfallende Nacht.
Was vom Tage übrigbleibt? Der Auftritt eines begnadeten Handwerkers und genialischen Künstlers, der loslassen und ein präzise kalibriertes Arrangement in scheinbar spontane Augenblickseingebungen umschmelzen kann. Der mit dem Publikum flirtet, sich ohne Seil und doppelten Boden ins Bühnenabenteuer stürzt und so viele Glückshormone zur Ausschüttung bringt, dass sie buchstäblich ein ganzes Stadion überschwemmen. Der die Leute – Widerstand zwecklos! – mit der allergrößten Selbstverständlichkeit zum Tanzen verführt, bar aller edukativen Ambitionen. Weil er etwas erweckt, das in uns allen schlummert: Tanzlust, bis an die Schwelle von Ekstase, Trance, Delir.
Ob man dieser eskapistischen Versuchung erliegen darf? Mag jede und jeder selbst beantworten. Das Ergebnis ist jedenfalls ein Gemüt im Schwebezustand – beschwingte Seele, gehobene Stimmung. Tagelang. Wer kann dazu «nein» sagen?
Tanz Jahrbuch 2026
Rubrik: Komplizen, Seite 110
von Dorion Weickmann
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