Utopie
Mein Urgroßvater war Scherenschleifer, staatenlos, und zog mit einem Karren von Dorf zu Dorf. Die Geschichten jenseits des Hügels hat er den Leuten diesseits des Hügels weitererzählt. Manchmal mit geliehener Pracht, um sich nicht mit sich selbst zu langweilen.
War sein Erzählen auch ein «Hunger nach Sinn», wie Alexander Kluge sagen würde? Dachte er sich, so und immer in Bewegung – dass es am Ende einer jeden Bewegung etwas geben muss, das bleibend ist? Hat er innere Bewegtheit und äußere Bewegung weitergegeben an eine Enkelin, die manchmal vom ihm erzählt, als hätte sie mit auf dem Scherenschleifer-Karren gesessen, weil sie überzeugt davon ist, dass Vorstellbarkeit die erste Stufe des Seins ist? So ist dann alles gekommen …
«Von Wandermenschen und Sofamenschen» habe ich unser künstlerisches Forschungsprojekt genannt. Es ist ein spartenund generationenübergreifendes Labor. Das Quietschen der Wuppertaler Schwebebahn begleitet unsere Proben im Ballettsaal des Tanztheaters, in der Lichtburg und im Pina Bausch Zentrum. Die einen performen seit Jahrzehnten und unterrichten auch zeitgenössischen Tanz. Die anderen studieren an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Universität ...
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Tanz Jahrbuch 2026
Rubrik: Komplizen, Seite 88
von Judith Kuckart
Der Dank hat eine Größendimension, wie man sie nicht alle Tage erfährt. «Danke, Marcia», hieß es vor ein paar Jahren auf einem Flugblatt, das im Stuttgarter Opernhaus auf das Publikum herunterflatterte. Dem Dank folgte auch gleich ein allumfassendes «Wofür», um dem runden Geburtstag von Marcia Haydée unmissverständlich eine balletthistorische Bedeutung zuzumessen,...
Bloß nichts Neues! In Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit wächst das Bedürfnis nach ästhetischer Ordnung und vertrauten Bildern. Die massiven Budgetkürzungen und der fehlende Abonnent*innen-Nachwuchs stellen die Institutionen unter den ökonomischen Druck, ihr Repertoire verkaufsgerecht zu sichern. Gefördert werden vor allem Produktionen, die...
Wo liegen die großen Chancen? Da, wo die Unterschiede besonders stark sind. Da, wo die Tabus uns abschrecken. Da, wo die Emotionen das Potenzial für Transformation aufzeigen. Im Alter von 38 Jahren habe ich meine Familie väterlicherseits in Bamako, Mali gefunden. Aufgewachsen bin ich in Deutschland als Sohn einer Pfarrerstochter. Religion und Spiritualität waren...
