Utopie

Judith Kuckart über ihr künstlerisches Forschungsprojekt «Von Wandermenschen und Sofamenschen»

Tanz - Logo

Mein Urgroßvater war Scherenschleifer, staatenlos, und zog mit einem Karren von Dorf zu Dorf. Die Geschichten jenseits des Hügels hat er den Leuten diesseits des Hügels weitererzählt. Manchmal mit geliehener Pracht, um sich nicht mit sich selbst zu langweilen.

War sein Erzählen auch ein «Hunger nach Sinn», wie Alexander Kluge sagen würde? Dachte er sich, so und immer in Bewegung – dass es am Ende einer jeden Bewegung etwas geben muss, das bleibend ist? Hat er innere Bewegtheit und äußere Bewegung weitergegeben an eine Enkelin, die manchmal vom ihm erzählt, als hätte sie mit auf dem Scherenschleifer-Karren gesessen, weil sie überzeugt davon ist, dass Vorstellbarkeit die erste Stufe des Seins ist? So ist dann alles gekommen …

«Von Wandermenschen und Sofamenschen» habe ich unser künstlerisches Forschungsprojekt genannt. Es ist ein spartenund generationenübergreifendes Labor. Das Quietschen der Wuppertaler Schwebebahn begleitet unsere Proben im Ballettsaal des Tanztheaters, in der Lichtburg und im Pina Bausch Zentrum. Die einen performen seit Jahrzehnten und unterrichten auch zeitgenössischen Tanz. Die anderen studieren an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Universität ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2026
Rubrik: Komplizen, Seite 88
von Judith Kuckart

Weitere Beiträge
Verführung

Zwei Stunden komplett aus der Welt herausfallen? Kriege, Krisen und Konflikte wegblenden, abschalten, ausknipsen? Mit 70000 Fans im Berliner Olympiastadion abwechselnd auf einen Bühnenwinzling und zwei Riesenscreens starren, während die Füße wehrlos mittanzen – geht das? Ist das erlaubt, legitim und vertretbar angesichts einer Gegenwart, die ziemlich ungebremst auf...

Paris

Es war Anfang Juni, als die Alarmglocken der Kulturszene schrillten. Im Süden von Paris, ein paar Metrostationen vom Bahnhof Montparnasse entfernt, liegt der Vorort Vanves. Die kleine Stadt hat ein Theater, das seit 30 Jahren ein Festival mit dem komplizierten Namen «Artdanthé» organisiert: «Art, danse, théâtre». Aber schon seit Langem zeigt man dort zu 90 Prozent...

Glanzlicht des Jahres: Staatsballett Berlin

 


Ja, es läuft rund für das Staatsballett Berlin. Mit wem man auch in Berlin spricht, alle sind froh, dass es Christian Spuck (und seinem Team) gelungen ist, das tiefe Tal, in das die immerhin größte Tanzcompagnie Deutschlands geraten war, zu verlassen und von Spielzeit zu Spielzeit mehr Anerkennung zu gewinnen. Was macht der Mann richtig? Er bietet ein...