Tarek Assam «Titus Andronicus» in Gießen
Spezialisten sagen, dass Shakespeares «Titus Andronicus» noch kein «echter» Shakespeare ist. Weil am Ende die Bühne von Leichen übersät ist, aber die Mörder nicht an ihren Taten zerbrechen – wie sonst bei Shakespeare. Hier nicht. Hier wird nur gemordet.
Genau dieser Exzess interessiert den Choreografen Tarek Assam, der ein «Machtspiel» mit deutlichen Gegenwartsbezügen auf Fred Pommerehns Bühne inszeniert, unter herabhängendem, zerbeultem Zivilisationsmüll.
Wie Müll werden denn hier auch die Menschen entsorgt, schlimmstenfalls zu Nahrung verarbeitet, an der sich eine dekadente Abendmahls-Gesellschaft sattfrisst.
Der römische Feldherr Titus Andronicus erliegt dem uralten Irrtum, dass mit dem Sieg über die Feinde (hier die Goten) eine neue Ordnung errichtet werden kann – ohne weitere Opfer. Der Tänzer Sven Krautwurst alias Titus trägt die Pistole auf dem Rücken, knapp unter der linken Schulter. Die Waffentasche als Rudiment eines Flügels macht ihn zum Todesengel. Wenn die Söhne seiner Gefangenen, der von Magdalena Stoyanova eindrücklich getanzten Gotenkönigin Tamora, seine Tochter Lavinia (Caitlin-Rae Crook) brutal vergewaltigen und verstümmeln, treibt es ihn in den Wahnsinn. Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz April 2017
Rubrik: Kalender, Seite 40
von Boris Gruhl
Gesellschaftstanz – ein alter Zopf?
Von wegen! Wir stimmen Sie mit einem klassischen Theaterausflug auf die neue Serie ein. Und in den nächsten Monaten besuchen wir Ballsäle, Tanzschulen und Turniere, wir unterhalten uns mit Wertungsrichtern und Lehrerdynastien – und erzählen vom queeren Amüsement beim Tanztee.
Wenn Guy Vandromme in Raimund Hoghes jüngster...
Der Körper ist das bevorzugte Tool der Selbstoptimierung, quasi ein letztes Refugium dessen, was sich noch wirklich nach dem eigenen Willen formen lässt. Der artikuliert sich hier in Muskelmasse-Modulationen und Körper-Modifikationen. Optimierung und Ästhetisierung, Leistung und Stilisierung: Bodybuilding ist eine Körperkunst, die konsequent die Ausformulierung des...
Saburo Teshigawara lacht, als ich ihn mit meiner Einschätzung konfrontiere, er müsse der mit Abstand meistbeschäftigte Choreograf auf diesem Planeten sein. Drei Premieren hatte er allein im Februar – in Nantes, Martigues und Paris. «Ich arbeite immer an mehreren Stücken gleichzeitig, derzeit an fünf oder sechs.» Dann scherzt er: «Ich könnte jeden Monat ein Stück...
