Système castafiore

Wie viel Fantasie verträgt der Tanz? Wie viel Volkskultur darf er enthalten? Wie viel Märchen und Mythos sind noch erlaubt? Thomas Hahn besuchte eine Manufaktur für ein ganz spezielles Spektakulum. Es ist nicht von dieser Welt. Und passt nicht mal in eine Schublade.

Tanz - Logo

Philosophie macht Spaß, Tanztheater auch. Das ist das Motto von Marcia Barcellos und Karl Biscuit, den Gründern von Système Castafiore. Die beiden sind angetreten, um mit den Waffen der Kunst der entzauberten Welt wieder etwas Poesie einzuhauchen.

No more heroes? Das gibt es nur noch in der braven guten Kinderstube, die sich vor falschen Vorbildern schützen soll, sich vor bösen Buben fürchtet und überhaupt der Flucht in die Fantasie misstraut.

Welche Eltern erzählen ihren Bälgern noch richtige, also böse Märchen? Stattdessen gibt es kindliche Ersatzhelden, von Harry Potter bis Schwammkopf, eine Welt, die vielen Eltern völlig schnuppe sein kann. Sie ist moralisch rein und ganz bestimmt nicht von dieser Welt. 

Biscuit und Barcellos sind nicht faul und tragen so ziemlich alle Arten populärer Mythen zusammen, die ihnen in die Hände fallen. Aus den Mythen des Kinos, der Märchen, der Fantasy-Romane, aus Kirche, Comics und Werbung drehen sie ihr tanzendes Personal durch einen «Low Frequency Oscillator» (2001) oder einen «Generator NR-Van» (2001), beraten darüber die ganze «Woche der vier Donnerstage» (2003) im «Büro der Längengrade» (2004), so lange, bis das Système Castiafiore diesem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2008
Rubrik: Portrait, Seite 60
von Thomas Hahn

Vergriffen
Weitere Beiträge
Was denkt Christoph Klimke

Man stelle sich vor, der Intendant eines Drei­sparten-Hauses würde, um bei Einsparungen im Etat die Qualität von Tanz und Schauspiel zu erhalten, die Oper schließen. Ein Aufschrei ginge durch die Republik. Wird aber die Tanz-Sparte am Haus «abgewickelt», wie es heutzutage heißt, herrscht nichts als Schweigen. So weitgehend unbemerkt schafft auch das Theater Bonn...

Jo Fabian

Jo Fabian taucht wieder auf aus «Second Life», der virtuellen Landschaft im Computer-universum, in der sich bis zu neun Millionen Menschen tummeln und Fabians einziges Tanzhaus in dieser simulierten Gegenwelt besuchen (ballet-tanz 10/07). Kaum ist Jo Fabian aus dem virtuellen Exil zurück, geht’s sofort in die Problemzonen der Realität. Seine Premiere von Coil. die...

Sandroni, van Manen, Schläpfer & das Bayerische Staatsballett

«Déjà Donné», französisch für «Recycling». So heißt seine Kompanie. Simone Sandronis Ausstattung und Bewegungssprache für «Cambio d’abito» (Kleiderwechsel) speisen sich aus zweiter Hand. Thematisch – es geht ums Auf-Spüren des Spektakels im Alltag, der alten Schwungkraft, unter Schichten abgelagert und begraben. Strukturell, weil Simone Sandroni das kalkulierte...