St.Petersburg, St.Pölten: Angelin Preljocaj «Le lac des cygnes»

Wolkenkratzer schießen in die Höhe, und am Schwanensee werden Industrieanlagen gebaut. Siegfrieds Vater ist Industriemagnat und paktiert mit Rotbart, dessen Schlägertrupps dem Sohn auflauern. In Angelin Preljocajs neuer «Schwanensee»-Version bleibt wenig Raum für Romantik. Der Abend beginnt mit der Verwandlung Odettes (Théa Martin) in einen Schwan, ganz ohne Magie. Es ist eine Vergewaltigung. Im 2. Akt wird Siegfried (Laurent Le Gall) zusammengeschlagen, bis er reglos liegen bleibt.

Von Anfang bis Ende trägt er einen Anzug der Unschuld, das blütenweiße Jackett über ein Sweatshirt mit Kapuze gezogen (Kostüme: Igor Chapurin). Seine Begegnung mit Odette wird lange hinausgezögert, während wir vorgeführt bekommen, wie wenig der Sohn mit der Welt seiner grau gekleideten, aber hier sehr proaktiven Eltern (Baptiste Coissieu, Clara Freschel) anfangen kann. Vaters Baupläne schmeißt er auf den Boden, und damit begibt er sich in Gefahr.

Als man schon glaubt, Preljocaj werde die Liebesgeschichte über Bord werfen und sich ganz auf die Kritik an Profitgier ohne Ethik konzentrieren, findet Odette den halbtoten Siegfried am See und nimmt sich seiner an. Und wie! Es ist eine der erotischsten ...

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Tanz November 2020
Rubrik: Kritik, Seite 34
von Thomas Hahn

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