St.Petersburg, St.Pölten: Angelin Preljocaj «Le lac des cygnes»

Tanz - Logo

Wolkenkratzer schießen in die Höhe, und am Schwanensee werden Industrieanlagen gebaut. Siegfrieds Vater ist Industriemagnat und paktiert mit Rotbart, dessen Schlägertrupps dem Sohn auflauern. In Angelin Preljocajs neuer «Schwanensee»-Version bleibt wenig Raum für Romantik. Der Abend beginnt mit der Verwandlung Odettes (Théa Martin) in einen Schwan, ganz ohne Magie. Es ist eine Vergewaltigung. Im 2. Akt wird Siegfried (Laurent Le Gall) zusammengeschlagen, bis er reglos liegen bleibt.

Von Anfang bis Ende trägt er einen Anzug der Unschuld, das blütenweiße Jackett über ein Sweatshirt mit Kapuze gezogen (Kostüme: Igor Chapurin). Seine Begegnung mit Odette wird lange hinausgezögert, während wir vorgeführt bekommen, wie wenig der Sohn mit der Welt seiner grau gekleideten, aber hier sehr proaktiven Eltern (Baptiste Coissieu, Clara Freschel) anfangen kann. Vaters Baupläne schmeißt er auf den Boden, und damit begibt er sich in Gefahr.

Als man schon glaubt, Preljocaj werde die Liebesgeschichte über Bord werfen und sich ganz auf die Kritik an Profitgier ohne Ethik konzentrieren, findet Odette den halbtoten Siegfried am See und nimmt sich seiner an. Und wie! Es ist eine der erotischsten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2020
Rubrik: Kritik, Seite 34
von Thomas Hahn

Weitere Beiträge
Nah am Menschen

Der Eindruck trügt. Der Mann, der im Balletthaus in Düsseldorf die acht Tänzerinnen und Tänzer dirigiert, arbeitet mit großer Ruhe. Ganz entspannt bittet er sie, die ganze Sequenz einmal durchzutanzen. Schon gleitet die kleine Gruppe auf Socken mit originell abgewinkelten Beinen über den Boden. Der Choreograf dagegen, der mir später gegenübersitzt, ist ein...

Prinzip Hoffnung

In den sozialen Medien reichen britische Künstler seit Monaten in ungläubig-sehnsüchtigem Staunen folgende Zahlen herum: 600 Millionen Euro investiert Berlin pro Jahr in die Kulturlandschaft. Der Arts Council stemmt in etwa dieselbe Summe – nur muss sie für ganz England reichen. Das Beispiel illustriert, in welchem Maß die Kompanien und Spielorte auf der Insel auf...

Ausstellungen 11/20

Cosmic dancer

Michael Clark ist ein Tanzstar in Großbritannien seit den 1980er-Jahren, der Ära von Margaret Thatcher. Er choreografiert seitdem ein laszives, exzessives Ballett auf High Heels als grelles Anti-Establishment – wurde selbst zur Pop-Ikone. Das Londoner Barbican, das seit 2005 seine Kompanie beherbergt, lässt den ­schottischen Rebellen auferstehen, der...