Stille
Als Teenager in New York City habe ich zum ersten Mal ein Ballett von John Cranko gesehen: «Romeo und Julia», getanzt vom Stuttgarter Ballett. Ich war elektrisiert und hingerissen; ich wollte unbedingt dieser Romeo werden, in diesem Ballett tanzen, Teil dieser Compagnie werden. Und diesem Traum bin ich – wegen ihm – gefolgt.
Die Hauptrollen in seinen Balletten zu tanzen, ist natürlich eine Herausforderung im Hinblick auf die Technik und das Partnern, aber viel mehr noch treffen sie dich direkt in dein Herz als Tänzer: seien es die letzten, verzweifelten Minuten als Romeo, als todgeweihter Lenski oder als Onegin, wenn Tatjana dir die Tür weist. Oder die Elegie im vierten Akt von Crankos «Schwanensee» – den Natalia Makarova mal als «the most beautiful» bezeichnet hat. Seine Stücke sind nicht nur «Schritte»; vielmehr spricht jedes Stück jeden Zuschauer – und jeden Tänzer, jede Tänzerin – individuell und unmittelbar an. Seine Ballette faszinieren bis heute, sie bewegen die Herzen und hellen die Seelen der Zuschauer*innen auf. Vor allem wegen ihrer Menschlichkeit.
Ich habe ihn leider nie gekannt. Ich kam 1977 – also vier Jahre nach seinem Tod – in die Compagnie. Selbstverständlich habe ...
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Tanz Jahrbuch 2023
Rubrik: John Cranko, Seite 47
von Tamas Detrich
«Er ist die große Ausnahmeerscheinung unter den Ballettschöpfern seiner Generation: ein Romantiker par excellence, ein Träumer, ein Poet, in einer Welt lebend, die von Fabelwesen und Fantasiegestalten bewohnt wird, von Harlekinen und Clowns, von weisen Narren und närrischen Weisen, von Geschöpfen, deren Seele so empfindlich ist, dass sie sie hinter Masken und unter...
Die Banlieues brennen und tragen ihre Wut bis in die Innenstädte. Und plötzlich erwarten Kommentatoren mit gespielter Entrüstung Stellungnahmen aus der Kultur, wenn nicht Hilfestellung für die Politik. Die kürzt der Kultur seit einiger Zeit regelmäßig die Subsidien. Und der Tanz steckt ohnehin gerade mitten in einem Umbruch: Neue Köpfe überall, mit Chancen und...
Pina besaß die Fähigkeit, den nackten Kern einer Idee freizulegen. Ihre Arbeiten wirken, als hätte sie Anfang und Ende einer Szene oder eines Konzepts weggeschnitten und nur «die Mitte», also die Idee in Reinform, übrig gelassen. Beim Schauen ihrer Stücke wundert man sich als Zuschauer*in, woher alle diese Menschen auf der Bühne eigentlich kommen und wohin sie als...
