Ruhe vor dem Sturz
Die Romands hatten die Nase schon immer ein bisschen weiter vorn, die Tanznase ohnehin. Das zeigt sich jetzt wieder: Während sich in der deutschsprachigen Schweiz mehr und mehr Intendantinnen und Intendanten offenbar nicht auf eine choreografische Handschrift festlegen wollen, sodass bald drei von fünf institutionellen Ensembles von Dramaturginnen geleitet werden, holt Genf einen der berühmtesten Choreografen der Welt. Sidi Larbi Cherkaoui ist dem ehemaligen Direktor der Flämischen Oper in Antwerpen/Gent, Aviel Cahn, gefolgt, der nun Direktor des Grand Théâtre de Genève ist.
Und er hat bereits renommierte Partner ins Haus gebracht. Sein erstes Stück als Genfer Ballettdirektor, das von japanischen Holzschnitten und Malerei aus dem 17. Jahrhundert inspirierte «Ukiyo-e», wird vom Maison de la Danse und dem «Pôle européen de création Lyon» sowie der Tanzbiennale von Lyon und anderen koproduziert. Oben auf der Treppe muss die Luft zum Atmen dünn sein. Wie sonst kommt es, dass diese Menschen, kaum auf dem Zenit angekommen, sich hinunterstürzen, ins dunkle Nichts? Eigentlich wollte Sidi Larbi Cherkaoui ein Stück über den Aufstieg machen, ein Treppensteigen, leichten Körpers und leichten ...
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Tanz 1 2023
Rubrik: Produktionen, Seite 10
von Lilo Weber
Yvonne Rainer, geschätzte Protagonistin der New Yorker Avantgarde, stellt diesen Monat in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden ihre neue Arbeit vor: «Hellzapoppin’: What about the bees?». Das Stück ist komplex, wie man es von der 88-Jährigen kennt, Bühne und Leinwand sind jeweils gesplittet, und Auszüge zweier denkbar verschiedenartiger Filme werden simultan...
Auf der Zielgerade zu seiner «Dona Nobis Pacem»-Premiere in Hamburg ist John Neumeier kalt erwischt worden: von der Presseberichterstattung zu einem Konflikt, der seine langjährige Arbeitsbeziehung mit dem Königlich Dänischen Ballett fürs erste beendet hat. Der Verdacht, der dabei im Raum stand, wiegt schwer: John Neumeier, seit fast fünfzig Jahren Chef des Hamburg...
Lang bevor Putin gegen die Ukraine losschlug, stand für John Neumeier fest: Die letzte Kreation seiner bald fünfzigjährigen Ägide am Hamburg Ballett wird Bachs Messe in h-moll unter dem Titel «Dona Nobis Pacem». Seit Februar 2022 hat das Werk eine Dringlichkeit gewonnen, die der so scharfsinnige wie feinfühlige John Neumeier im Voraus erspürt haben mag. Gleichwohl...
