Reginaldo Oliveira: «Anna Karenina»

Salzburg

Nur eine Sekunde, ein minimales Manöver – und wir wissen alles über diese Frau. Geräuschlos tritt sie neben Vater und Sohn, schiebt ihre Hand durch die angewinkelte Armbeuge des Mannes, legt linke und rechte Fingerspitzen kurz aneinander – und zieht sich ins Halbdunkel zurück. Nichts hat diese Lidija mehr erhofft, ersehnt, vom Schicksal erbettelt als das, was gerade eben geschah: Alexej Karenin hat seine Gattin verstoßen, nicht ohne ihr vor Augen zu führen, dass seine Macht alles vermag. Auch Mutter und Kind zu trennen. Lidija, die Gouvernante, bietet sich an als Ersatz.

Als intime Trösterin, Gebieterin des Hauses, als mütterliches Surrogat. Und wie sie das in Reginaldo Oliveiras «Anna Karenina»-Inszenierung tut, ist unbedingt sehenswert.

Leo Tolstois «Anna Karenina» ist vielfach für die Tanzbühne adaptiert worden – zuletzt etwa von Christian Spuck und John Neumeier. Der Roman entfaltet anhand des Ehebruchs, mit dem sich die Gattin eines Staatsbeamten aus der honorablen Moskauer Gesellschaft katapultiert, das Sittengemälde einer ganzen Epoche. Was Salzburgs Ballettchef gelingt, ist die zeitlose Umsetzung der Vorlage durch Verdichtung der Handlung und Verknappung des Personals. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz August/September 2021
Rubrik: Kalender, Seite 32
von Dorion Weickmann

Weitere Beiträge
Luftwurzeln

Mette Ingvartsens neues Projekt «The Life Work» ist eine Installation im Museum Folkwang in Essen: ein Garten. Zu hören sind dort vier Lebensgeschichten aus 69 bis 83 Lebensjahren, sanft in Themen sortiert statt der jeweiligen Chronologie zu folgen. Ruhig fließen sie aus Lautsprechern. An Wochenenden beleben oder bewohnen die älteren Frauen, denen die Geschichten...

Buch, CD, DVD 8/21

Katalog
TÄNZERINNEN
Erstaunliches fesselt den Blick: Eine Frau spreizt die Arme V-förmig über dem maskierten Schädel, in ihrem Rücken dehnt sich ein Terrassengeländer, dahinter Industrie- oder Mietskasernenarchitektur. Das Bild könnte aus den Social Media stammen, aber es ist 90 Jahre alt, zeigt die Tänzerin Oda Schottmüller in Aktion als «Henker» und stammt von...

Vorschau/Impressum 8/21

China
ist aus westlicher Sicht ein unheimliches Land. Dabei ist der Tanz dort so widerständig wie die Bildende Kunst auch. Die Choreografin Wen Hui befragt ungeniert die Stellung der chinesischen Frau und das Tao Dance Theater erobert mit minimalistischer Avantgarde den Weltmarkt. Beobachtungen aus dem tanzenden Reich der Mitte

Unterwegs
Bewegung trotz Stillstand:...