Raphael Hillebrand
Meine tänzerische Heimat ist Hip-Hop. Wenn ich auf eine Hip-Hop-Jam gehe, kenne ich die Codes und Verhaltensregeln. Sie bilden die erste Schicht meiner künstlerischen Identität. Jede weitere Schicht, die sich im Lauf der Jahre darübergelegt hat, musste sich mit Hip-Hop vergleichen, an ihm reiben und schließlich Kompromisse finden. Heute fühle ich mich in vielen tänzerischen Kontexten wohl oder sogar zu Hause. Aber alles basiert auf meiner Identität als Teil der Hip-Hop-Kultur.
Sie war die erste, die mich gefordert, geprüft und letzten Endes aufgenommen hat, so wie ich bin: So fühlt sich Heimat an.
Der Begriff Leitkultur stößt mich ab. Das Konzept, die eine über die andere Kultur zu stellen, finde ich falsch. Kulturen sind Hybride, sich ständig verändernde Gebilde. Kulturen passen sich immer Lebensrealitäten an. Eine Leitkultur dreht dieses Konzept um. Dann soll der Mensch einer bestimmten Kultur folgen, obwohl Kultur erst durch das Handeln des Menschen entsteht. Die Spannung zwischen Kulturen ist der fruchtbarste Ort für Kunst.
Mir wurde oft erzählt, dass meine Heimat ein fernes Land sein muss, weil ich dunkle Haut habe. Den Menschen ist dabei nicht bewusst, woher ihr Konzept ...
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Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Identität, Seite 114
von Raphael Hillebrand
Ein kontinuierliches Oszillieren zwischen formaler Strenge und künstlerischem Wagemut: So bezeichnet die kanadische Tänzerin und Choreografin das Spannungsfeld, in dem sich die geordnete Mehrstimmigkeit ihrer Kreationen entfaltet. Pites Arbeiten für große Ensembles – «The Seasons’ Canon» etwa, das sie für mehr als 50 Tänzerinnen und Tänzer des Pariser Opernballetts...
Heute über Heimat zu sprechen, heißt häufig über ihren Verlust zu reden. Die Sehnsucht nach heimatlicher Zugehörigkeit tritt ein, wenn man sie gerade zu verlieren scheint oder bereits verloren zu haben glaubt. «Heimatverlust» bewirkt einen Phantomschmerz, meist bleibt er unerlöst. Die äußere Heimat – der Boden, der Wald, das Land, der Raum – ist faktisch ja nach...
Ich finde es schwierig, den Begriff «Heimat» mit meiner Arbeit, dem Tanz, in einen Kontext zu stellen. Anders als viele meiner Kollegen lebe und arbeite ich von klein auf in meiner sogenannten Heimat Deutschland. Andere Tänzer müssen ihre Heimat immer wieder neu definieren, weil sie viel reisen oder den Standort berufsbedingt wechseln. Ich dagegen habe mich ganz...
