Primitive Zukunft
Es gibt Träume, die man nachts träumt und die einem nichts anderes antun, als die Konflikte des Tages in den eigenen Hirnwindungen solange mit den Ablagerungen des Gedächtnisses kurzzuschließen, bis man von so viel Nervenkitzel wieder aufwacht. Und es gibt andere Träume, die heimlich die halbe Menschheit träumt. «Star Trek» zum Beispiel war so ein Filmtraum, der eine ganze Generation dazu anstachelte, das Handy nicht nur zu erfinden, sondern es auch massenhaft zu kaufen.
Davor träumte sich eine Generation unter dem schockhaften Eindruck von Raketen und anderen Flugkörpern das Auto als ein ballistisches Geschoss und betonierte die Erde mit Autobahnen zu. Auch «Archipel», als ein «Spektakel der Vermischungen», will ein solcher Traum sein, einer, in dem der Mensch aus seiner Unrast erwacht und es endlich den Pflanzen gleichtut: Wurzeln schlägt, sich im Winde dreht und als Teil der Graswurzel-Bewegung seinen Frieden findet. Das ist kein spektakulärer Traum im gewöhnlichen Sinn, es ist ein radikaler Traum, den die Komponistin Brigitta Muntendorf in feinsten Minimalismus übersetzt, ein wenig in der Tradition von Philip Glass und Laurie Anderson – nur ohne deren rhythmische Modulationen: ...
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Tanz August/September 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Arnd Wesemann
Berlin
FESTIVAL UND SHOW Hochsommer heißt in Berlin: «Tanz im August». Nach der digitalen Dürre ist 2021 wieder volles Programm: Von Anne Nguyens «Underdogs» (tanz 6/21) über Constanza Macras’ «Stages of Crisis» und Stephanie Thierschs «Archipel» (siehe S. 8) bis hin zu den postkolonialen Settings von Dorothée Munyaneza und Choy Ka Fai schlägt Festivalleiterin...
China
ist aus westlicher Sicht ein unheimliches Land. Dabei ist der Tanz dort so widerständig wie die Bildende Kunst auch. Die Choreografin Wen Hui befragt ungeniert die Stellung der chinesischen Frau und das Tao Dance Theater erobert mit minimalistischer Avantgarde den Weltmarkt. Beobachtungen aus dem tanzenden Reich der Mitte
Unterwegs
Bewegung trotz Stillstand:...
ROBERT WILSON «DANCING IN MY MIND»
Finger, knorrig wie Wurzeln. Zehen, verkrümmt, aber in Bewegung: Als die Tänzerin und Choreografin Suzushi Hanayagi, an Alzheimer erkrankt, in einem Altenheim in Osaka drei Jahre lang kein Wort mehr gesprochen hat, sucht Robert Wilson sie dort auf. Er spricht mit Gesten aus gemeinsamen Arbeiten ihre Körper-Erinnerung an, im...
