Primitive Zukunft

Mit «Archipel» gelingt der Choreografin Stephanie Thiersch ein Spektakel, das dem Zeitgeist des Klimaschützens sogar einen Schritt voraus ist.

Es gibt Träume, die man nachts träumt und die einem nichts anderes antun, als die Konflikte des Tages in den eigenen Hirnwindungen solange mit den Ablagerungen des Gedächtnisses kurzzuschließen, bis man von so viel Nervenkitzel wieder aufwacht. Und es gibt andere Träume, die heimlich die halbe Menschheit träumt. «Star Trek» zum Beispiel war so ein Filmtraum, der eine ganze Generation dazu anstachelte, das Handy nicht nur zu erfinden, sondern es auch massenhaft zu kaufen.

Davor träumte sich eine Generation unter dem schockhaften Eindruck von Raketen und anderen Flugkörpern das Auto als ein ballistisches Geschoss und betonierte die Erde mit Autobahnen zu. Auch «Archipel», als ein «Spektakel der Vermischungen», will ein solcher Traum sein, einer, in dem der Mensch aus seiner Unrast erwacht und es endlich den Pflanzen gleichtut: Wurzeln schlägt, sich im Winde dreht und als Teil der Graswurzel-Bewegung seinen Frieden findet. Das ist kein spektakulärer Traum im gewöhnlichen Sinn, es ist ein radikaler Traum, den die Komponistin Brigitta Muntendorf in feinsten Minimalismus übersetzt, ein wenig in der Tradition von Philip Glass und Laurie Anderson – nur ohne deren rhythmische Modulationen: ...

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Tanz August/September 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Arnd Wesemann

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