NYC Faces
«Man is least himself when he talks in his own person.
Give him a mask, and he will tell you the truth.»
Oscar Wilde
1. Vergangenheit, Gegenwart
Es liegt Schnee auf dem Washington Square bei meiner Ankunft in New York Ende Januar.
Der Graduiertenkurs an der NYU zu «Masks and Masquerades» beginnt mit einem Schwerpunkt zu Masken im Tanz der Weimarer Republik: Hexen- und Totenmasken – Mary Wigman, Oda Schottmüller; Ganzkörpermasken – Oskar Schlemmer, Sophie Täuber-Arp, deren Ausstellung gerade im MoMa läuft – und die «kalte persona», die den sozialen und politischen Masken der Distanz in der Neuen Sachlichkeit innewohnt. Wir diskutieren und analysieren Kurt Jooss‘ «Grünen Tisch», als am 24. Februar der Krieg in der Ukraine beginnt. «Zeitenwende»?
Als die Paul Taylor Dance Company mit Jooss‘ «Der grüne Tisch» im Harkness Dance Center gastiert, gehen wir gemeinsam in die Aufführung. Angekündigt ist das Stück als «The World’s most famous antiwar ballet». Die Performance ist ausverkauft und wird auch als Stream übertragen. Die Tänzer*innen der Company sind eindrucksvoll, gestalten mit Präzision und Intensität die Figuren und Szenen dieses «Totentanzes in acht Bildern» von 1932. Nach der ...
Gabriele Brandstetter ist Tanzwissenschaftlerin und seit 2003 Professorin der Freien Universität Berlin. Sie hat über Fragen der Avantgarde geforscht und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem «Leibniz-Preis», dessen Dotation in ein «Zentrum für Bewegungsforschung» floß. Seit 2021 hat sie eine Seniorprofessur inne
Julien Bismuth arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst und Literatur und untersucht, wie Darstellungen der Welt unsere Entscheidungen und Interaktionen formen und beeinflussen. Das Werk des Künstlers umfasst Performance, Collage, Installation, Video, Fotografie, Skulptur und Zeichnung. Er lebt in Paris und New York
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Tanz Jahrbuch 2022
Rubrik: Vermessung des Tanzes, Seite 45
von Gabriele Brandstetter
Premiere in der Geschichte unserer Umfrage: Das Treppchen für Inszenierung, Choreograf*in, Tänzer*in und Kompanie des Jahres bleibt im Depot. Weil die Zahl der Nominierungen jeweils unterhalb der magischen Dreierschwelle liegt, ab der wir prämieren. Unter Pandemiebedingungen und knapperen Budgets verändern Kritiker*innen ihre Sehgewohnheiten: weniger Reisen, mehr...
Der Mann scheint müde zu sein. Der Oberkörper auf einer recht unbequem aussehenden Bank zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, ein Ellbogen klemmt an der Armlehne, der Kopf ist leicht nach hinten geneigt, die Augen sind geschlossen. Es scheint ein öffentlicher Ort zu sein, an dem die Person sich ausruht, erschöpft womöglich vom Tagewerk eines...
«Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.» Diesen Satz sagt Tancredi in Giuseppe Tomasi di Lampedusas berühmtem Roman «Der Leopard». Trotz des in letzter Zeit entfalteten breiteren Engagements für die Künste und einiger von Kulturminister Dario Franceschini erwirkter Neueröffnungen scheinen gewisse von der...
