Mithkal Alzghaïr «Clamors (Schreie)»

Paris

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Glänzende Flächen bedecken den Boden, die zersplitterten Umrisse von Kontinenten: Nordamerika ist in der Mitte zerhackt, Afrika fehlt die gesamte Ostküste, nur Australien scheint halbwegs intakt. Und Mithkal Alzghaïr bewegt sich zwischen diesen Flächen, tastend, unsicher. Einmal breitet er die Arme aus, wie ein Vogel, der vom Aufwind getragen wird, den eine Böe Richtung Libyen treibt und kurz darauf eine Änderung der Windrichtung nach Europa. Ein Migrant, der zwischen fragmentierten Landmassen pendelt.

Alzghaïr wurde 1981 in Syrien geboren, aber so ziellos wie die Figur aus seinem vergangenen Frühsommer in Hamburg uraufgeführten und im September in Vitry-sur-Seine südlich von Paris gezeigten Stück «Clamors (Schreie)» zog er nicht durch die Welt. Nach seiner Tanzausbildung in Damaskus wechselte er 2011, im Ausbruchsjahr des Bürgerkrieges, nach Frankreich, machte seinen Master in Montpellier und arbeitete im Anschluss unter anderem mit May Svalholm, Xavier Le Roy und Boris Charmatz. Und doch spürt man an «Clamors» ein Unbehaustsein: den Schmerz eines Menschen, der nicht dazugehört und Spielball äußerer Einflüsse ist.

Zunächst vollzieht Alzghaïr Trippelschritte, nach und nach werden ...

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Tanz August/September 2022
Rubrik: Kalender, Seite 37
von Falk Schreiber

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