Menschlichkeit
Nach 50 Jahren kreativer Arbeit in Hamburg hat John Neumeier ein einzigartiges Tanz-Universum aufgebaut: eine weltbekannte Compagnie, eine Schule, eine Jugendcompagnie, ein bedeutendes Choreografie-Œuvre und eine umfangreiche, faszinierende Tanzkunst-Sammlung, die – ergänzt um Bibliothek und Memorabilia-Archiv – seine Stiftung ausmacht. Das war, und das ist.
Es ist interessant, über die Frage nachzusinnen, was war, was ist und was sein wird – mit Blick auf die Sammlung an Schätzen in der Stiftung.
Anhand der Objekte erhält man Einblicke in das Leben früherer Künstler, in wichtige und denkwürdige Ereignisse, aber auch in alltäglichere, «normale» Begebenheiten menschlicher Erfahrungen. Vielleicht kann dies uns helfen zu verstehen und einen Blickwinkel einzunehmen – nicht nur mit Bezug auf das, was war, sondern auch auf das, was ist und was beständig bleibt oder sich anpasst, und was überdauert.
Johns Wunsch und Überzeugung entsprechend, lebt sein choreografisches Werk durch die Tänzerinnen und Tänzer weiter, die seinen Figuren und Balletten Leben einhauchen. Wenn man sich diese Ballette anschaut – schon jetzt mehr als 170 –, dann ist die Spanne an Stilen, Gattungen, Musik nahezu ...
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Tanz Jahrbuch 2023
Rubrik: John Neumeier, Seite 122
von Gigi Hyatt
Im weißen Cashmere-Pullover und mit einer überdimensional großen Armbanduhr am Handgelenk sitzt John Cranko immer noch täglich rauchend im Stuttgarter Ballettstudio und scheint dabei Gedanken verloren in sich hineinzuhorchen, während er auf die Schrittfolgen der Tänzer*innen achtet. Zumindest sieht es so aus, auf dem riesigen Schwarz-Weiß-Foto, das im Proberaum des...
Als Julia zum Ball schreiten will, stolpert sie schon auf der Treppe. Nein, tanzen kann diese Julia nicht. Und der Kraftprotz von einem Grafen Paris lässt ihr erst recht die Glieder gefrieren. Da trifft sie auf Romeo und wird in seinen Armen zum Schmetterling. Der schwebt und tanzt und flattert – und torkelt sich schließlich in den Scheintod. Als aber Romeo kalt...
Versuchung und wilde Verzweiflung. In dieser Nacht gehen sie Hand in Hand. Was soll sie tun? Was darf sie fühlen? Was sagen? Nichts. Rein gar nichts. Also weist sie ihm die Tür.
Nelken, soweit das Auge reicht. Dazwischen ein Mann. Dunkler Anzug, farbige Krawatte. Und Lippen, Arme, Hände, die das Bild eines anderen beschwören: «The Man I Love».
Sie trotzt seinen...
