Luftwurzeln
Mette Ingvartsens neues Projekt «The Life Work» ist eine Installation im Museum Folkwang in Essen: ein Garten. Zu hören sind dort vier Lebensgeschichten aus 69 bis 83 Lebensjahren, sanft in Themen sortiert statt der jeweiligen Chronologie zu folgen. Ruhig fließen sie aus Lautsprechern. An Wochenenden beleben oder bewohnen die älteren Frauen, denen die Geschichten gehören, diesen Garten. Sie liegen, sitzen, schlendern umher, spielen ein Spiel. Sie malen mit kleinen schwarzen Partikeln, Linsen. Sie bleiben, sie gehen.
Ihre Stimmen und Erlebnisse zu sammeln, hörbar zu machen, also weiterzugeben und die Zuhörenden darüber nachdenken und nachfühlen zu lassen: Das ist auch eine Art von Nachhaltigkeit.
Pflanzen seien ihre große Liebe, sagt die Choreografin im Gespräch ein paar Wochen vor der Eröffnung des Museums-Gartens. Sie habe eine Menge davon in ihrer Wohnung, auf der Terrasse und dazu Efeu an einer Außenwand. Ihr Lieblingsgewächs bekam sie einst von einem guten Freund, ein Blatt, das in der Erde Wurzeln schlug. «Nicht die schönste, aber diese Pflanze hat viele Jahre überlebt, obwohl sie schon oft fast gestorben ist.» Klein und empfindlich, zeige ihr Schlaffwerden an, dass auch die ...
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Tanz August/September 2021
Rubrik: Nachhaltigkeit, Seite 42
von Melanie Suchy
Nur eine Sekunde, ein minimales Manöver – und wir wissen alles über diese Frau. Geräuschlos tritt sie neben Vater und Sohn, schiebt ihre Hand durch die angewinkelte Armbeuge des Mannes, legt linke und rechte Fingerspitzen kurz aneinander – und zieht sich ins Halbdunkel zurück. Nichts hat diese Lidija mehr erhofft, ersehnt, vom Schicksal erbettelt als das, was...
In Zeiten wie diesen ist es schon nicht einfach, ein Bild von der Lage zu zeichnen. Umso größer scheint die Herausforderung, sich an die Bewegungsmuster der Verhältnisse unserer «postpandemischen» Gegenwart heranzuwagen. Denn das braucht, so widersprüchlich es auch klingen mag, ein bestimmtes Maß an Distanzierung. Martin Schläpfer, seit dem Vorjahr Leiter und...
Wie ein Fanal hängen die Trümmer einer explodierten Welt über der Szene: Das apokalyptische Bühnenbild von Martin Bergström prägt «Riptide», eine als Film entstandene Uraufführung der bis dato relativ unbekannten Isländerin Hlín Hjálmarsdóttir. Frei und fließend, gar nicht mit der grotesken und erdgebundenen Tönung vieler nordischen Choreografen, zeigt sie in einer...
