Louis Stiens
Ich finde es schwierig, den Begriff «Heimat» mit meiner Arbeit, dem Tanz, in einen Kontext zu stellen. Anders als viele meiner Kollegen lebe und arbeite ich von klein auf in meiner sogenannten Heimat Deutschland. Andere Tänzer müssen ihre Heimat immer wieder neu definieren, weil sie viel reisen oder den Standort berufsbedingt wechseln. Ich dagegen habe mich ganz selbstverständlich an meine Heimat gewöhnt und sie schätzen gelernt.
Ich meine, dass Tänzer Heimat temporär sehen können, ohne sich groß mit ihr identifizieren zu müssen.
Vielleicht fällt es ihnen deswegen auch leichter als anderen Künstlern, sich in den unterschiedlichsten Bühnen- und Probensituationen zurechtzufinden. Tänzer müssen sich immer wieder neu behaupten und positionieren, das verlangt viel innere Kraft und Ruhe. Manchmal denke ich, dass es mich vielleicht stärker gemacht hätte, in einer mir fremden Kulturlandschaft Fuß zu fassen, um über das Tanzen eine neue Heimat zu finden. Allerdings meine ich manchmal auch, dass es umgekehrt ist, und der Tanz meine Heimat definiert hat. Dazu braucht er einen menschenfreundlichen Platz, wo er wachsen kann.
Tanz ist international vernetzt und existiert in allen Medien ...
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Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Identität, Seite 106
von Louis Stiens
Die Dresdnerin hat von 1990 bis 1996 an der Palucca Hochschule für Tanz studiert. Dann zog es sie in die Tanzwelt, vornehmlich zu Frédéric Flamand nach Frankreich. Fast zehn Jahre war sie beim Ballet National de Marseille als Solistin engagiert, tanzte in Choreografien von Richard Siegal, Emanuel Gat, Annabelle Lopez Ochoa, Pascal Touzeau oder Yasuyuki Endo. Sie...
Heimat ist für mich ein Rückzugsort, an dem ich mich erneuern kann wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift. Ein Ort, an dem ich das Gegenteil von XENOS empfinde. Aber es ist wichtig, dass wir versuchen, den Begriff auch dynamisch zu denken. Denn einige, wenn nicht die meisten von uns, betrachten Heimat als statisch, als feste Adresse.
Für mich ist Heimat etwas...
Heute über Heimat zu sprechen, heißt häufig über ihren Verlust zu reden. Die Sehnsucht nach heimatlicher Zugehörigkeit tritt ein, wenn man sie gerade zu verlieren scheint oder bereits verloren zu haben glaubt. «Heimatverlust» bewirkt einen Phantomschmerz, meist bleibt er unerlöst. Die äußere Heimat – der Boden, der Wald, das Land, der Raum – ist faktisch ja nach...
