Krise, Krise
Niemand hat erwartet, dass es einfach für Demis Volpi werden würde. Natürlich konnte der nicht ohne Probleme, Reibungsverluste und Friktionen das Hamburg Ballett übernehmen, nachdem John Neumeier die Kompanie sagenhafte 51 Jahre lang geführt, geformt und an die Weltspitze gebracht hatte. Aber dass die Krise jetzt schon voll durchschlägt, nicht einmal ein Jahr nach der Staffelübergabe, überrascht schon.
Zunächst hatten fünf Solist*innen angekündigt, Hamburg zu verlassen, und nachdem Volpi auf diesen Aderlass erst überhaupt nicht und dann mit dem unsensiblen Statement reagiert hatte, dass Kündigungen ja auch Raum für jüngere Talente bedeuten würden, schrieb die Mehrheit der Tänzer*innen einen offenen Brief an den Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, voller Vorwürfe gegen den Intendanten: Der sei zu selten vor Ort, es fehle an Wertschätzung, auch dass Volpis eigene künstlerische Arbeit nicht das am Haus gewohnte Niveau habe. Solist Alexandr Trusch im Interview mit dem «Hamburger Abendblatt»: «Er beherrscht sein Handwerk nicht!» Wobei man natürlich fragen kann, was das eigentlich für ein Niveau im Umgang miteinander ist, so öffentlich über Kollegen zu reden. Dass sich allerdings kurz darauf das Ensemble des Ballett am Rhein, wo Volpi zuvor amtierte, meldete und die Vorwürfe gegen seinen früheren Intendanten bestätigte, ist ein Tiefschlag, jenseits von ordentlichem Umgang im Berufsumfeld.
Bezüglich der Anwesenheit des Intendanten bei Proben steht Aussage gegen Aussage, unstrittig ist aber: Volpi hat Fehler gemacht, angeblich lässt er die Personaldisposition aus dem Ausland erledigen, die Feedback-Kultur am Haus ist ausbaufähig. Solche Fehler sind nicht irreversibel, ihre Korrektur aber benötigt Zeit, Sensibiliät, einen professionellen Blick von außen – letzteres ist laut Kulturbehörde auf dem Weg. Allerdings sollte man tunlichst zwei Ebenen trennen: Diese Kritik ist eine am Verhältnis zwischen Vorgesetztem und Untergebenen, sie sagt noch nichts aus über künstlerische Qualität am Haus. Indiskutabel ist die nämlich nicht – die ersten beiden Premieren «The Times Are Racing» (tanz 11/24) und «Slow Burn» (tanz 1/25) mit Choreografien von Justin Peck über Aszure Barton bis William Forsythe, waren nicht schlecht, auch wenn kritische Stimmen aktuell alles verdammen, was nicht von John Neumeier stammt. Wie Volpi allerdings gerade die Ruhe herstellen will, um im Juli seine erste große Kreation «Demian» auf die Bühne zu bringen, gemeinsam mit einer Kompanie, die ihm aktuell mehrheitlich nicht vertraut, das steht in den Sternen.
Ähnlich übrigens wie dieses Fazit. Die Situation ist hochdiffizil, niemand weiß, ob sich der Streit entspannt, ob neue Vorwürfe auftauchen, und wie sich John Neumeier positioniert, dessen Wort in Hamburg Gewicht hat. Womöglich ist dieser Artikel bei Erscheinen schon wieder überholt, gut für den Tanz als Kunstform ist der in die Öffentlichkeit ventilierte Konflikt auf keinen Fall. Was nicht heißt, dass sich Verletzungen nicht heilen ließen.
Tanz 2025
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Falk Schreiber
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