Jochen Heckmann: «Giselle»
Von der Mondlichtung ins Irrenhaus in den Puff: Vor 23 Jahren landete der schwedische Choreograf Mats Ek einen donnernden Coup mit seiner wundersam-hässlichen Giselle. Seither hat, was merkwürdig ist, keiner mehr versucht, das romantische Ballett an der Gegenwart zu messen. Bis nun Jochen Heckmann, seit 1999 Ballettchef in Augsburg, auf die Idee kam, die Klassengegensätze des Originals (Prinz beginnt Affäre mit Landmädchen) dahingehend zu aktualisieren, dass sich nunmehr ein libertinärer Städter in ein nicht weiter definiertes Arbeitersuburbia verirrt.
Der fiese Proll Hilarion verschleppt Giselle in den Puff, wo nunmehr der zweite Akt spielt anstatt auf der mondbeschienenen Waldlichtung des Originals. Es folgen Giselles Vergewaltigung und ihr finaler Todessturz.
Heckmanns an sich und in sich durchaus einfallsreiches Modern-Dance-Idiom macht allerdings Arm und Reich, also alle, gleich. Und zum Fallstrick wird ihm die Originalmusik von Adolphe Adam, denn zwischen Industrieschloten zwitschert kein Naturidyll, und im Puff wird vieles, nur nicht waidmännisch zum Halali geblasen.
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wer sagt, dass auf einem Tanzfestival getanzt werden muss? Man kann auch Karten spielen. Selbstmörder-Quartett. Yves Kleins berühmtem Sprung von einem Stuhl folgte ein weniger berühmter Sprung von Paul McCarthy aus dem zweiten Stock und dann ein unberühmter von Edgar Aho. Aus dem 14. Stock. Edgar Aho war kein Künstler, sondern ein Freund der libanesischen Performer...
Bei der Berlinale im Vorjahr gab es zwei wunderbare Tanzfilme, die später in die Kinos kamen und mit großem Erfolg noch immer laufen: «Rhythm Is It!» und die HipHop-Fantasie «Status Yo!» von Till Hastreiter (ballet-tanz 04/04). Auch in diesem Jahr waren zwei Filme zu sehen, die sich mit Tanz beschäftigten. Aber «wunderbar» ist für beide nicht das richtige Adjektiv.
...
Nein, das ist es noch nicht. Die Tänzerin steht zu weit vorn. Ein paar Schritte weiter nach hinten, korrigiert der Choreograf Javier Latorre, derzeit der wohl bekannteste Flamencoregisseur. Und von dort dann nach vorn, mit Kraft in die Drehung, die sich in sanftem Schwung auflöst. Zurück, ein neuer Versuch, dann ist der Meister zufrieden. «¡Eso es!», «Das ist es!»,...
