Jiří Kylián
Irgendwann hat ein Tanztheoretiker über mein Werk geschrieben: «Über alle Grenzen hinweg!» Das hat mich sehr beeindruckt und fasziniert. Was er da geschrieben hat, ist jedoch vieldeutig und trifft wahrscheinlich auf alle Menschen zu, die das «Suchen» als ihren Modus Vivendi verstehen.
Heutzutage sind der Grenzgang und die unaufhaltbare Migration ungeheurer Menschenmassen ein riesiges geopolitisches Problem. Aber für kreative Menschen sind Grenzüberschreitungen eine Selbstverständlichkeit.
Ohne dass wir unentwegt Grenzen überschreiten, uns ständig auf dünnes Eis begeben, und ohne dass wir ununterbrochen neue Erfahrungen und Ausdrucksformen suchen – ohne all das gibt es keine Zukunft. Und keine Kunst.
Grenzen zu überschreiten, physisch oder imaginär, um Neues zu erfahren und zu entdecken, ist das Allerwichtigste, das uns gegeben ist ... Selbst wenn wir auf unserer Entdeckungsreise jenseits der Grenze die Schattenseite unseres Lebens entdecken.
So banal es klingt: Liebe und Tod spielten in meiner kreativen Fantasie immer eine wichtige Rolle. Durch ihre Gegenüberstellung, ihren Antagonismus, ihren Widerspruch erzeugen sie in mir Neugier und stimulieren meine Imagination. Und man muss ...
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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Choreografen: Zur Sache, Seite 12
von Jiri Kylian
Neulich bin ich richtig überrascht worden. Die Vorstellung fand in einem leeren Klassenzimmer statt. Wo sonst die Lehrerin steht, spielte eine Frau am DJ-Pult. Die Zuschauer drückten sich an den Wänden entlang, als die mütterlicherseits aus Sri Lanka stammende Sara Mikolai mit verdecktem Gesicht und nacktem Rücken den Raum be-trat, um wie angekündigt ein Ritual zu...
Er wirkt tiefgründig, leidenschaftlich, fokussiert: Seine Präsenz ist so stark, dass er selbst beim Training auffällt, wenn er als ein Tänzer unter vielen gar nicht im Mittelpunkt steht. Yu-Min Yang ist seit 2010 Mitglied der Tanzkompanie Konzert Theater Bern und hat sich gegen eine internationale Konkurrenz durchgesetzt und den «Berner Tanzpreis 2016» gewonnen....
Ein Frühlingsvormittag in den Berliner Uferstudios. Das Bullauge in der Tür, hinter der gerade geprobt wird, ist mit Zeitungspapier verklebt. Nur ein winziger Spalt lockt das Auge – gerade groß genug, um ins Innere zu linsen. Da sitzt ein graumelierter Lockenkopf auf dem Boden und schaut gebannt sechs Tänzern zu, die ausdauernd eine einzige Passage wiederholen,...
