Jiří Kylián

Irgendwann hat ein Tanztheoretiker über mein Werk geschrieben: «Über alle Grenzen hinweg!» Das hat mich sehr beeindruckt und fasziniert. Was er da geschrieben hat, ist jedoch vieldeutig und trifft wahrscheinlich auf alle Menschen zu, die das «Suchen» als ihren Modus Vivendi verstehen.

Heutzutage sind der Grenzgang und die unaufhaltbare Migration ungeheurer Menschenmassen ein riesiges geopolitisches Problem. Aber für kreative Menschen sind Grenzüberschreitungen eine Selbstverständlichkeit.

Ohne dass wir unentwegt Grenzen überschreiten, uns ständig auf dünnes Eis begeben, und ohne dass wir ununterbrochen neue Erfahrungen und Ausdrucksformen suchen – ohne all das gibt es keine Zukunft. Und keine Kunst.

Grenzen zu überschreiten, physisch oder imaginär, um Neues zu erfahren und zu entdecken, ist das Allerwichtigste, das uns gegeben ist ... Selbst wenn wir auf unserer Entdeckungsreise jenseits der Grenze die Schattenseite unseres Lebens entdecken.

So banal es klingt: Liebe und Tod spielten in meiner kreativen Fantasie immer eine wichtige Rolle. Durch ihre Gegenüberstellung, ihren Antagonismus, ihren Widerspruch erzeugen sie in mir Neugier und stimulieren meine Imagination. Und man muss ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Choreografen: Zur Sache, Seite 12
von Jiri Kylian

Weitere Beiträge
Zwischenreich

Eine dem Autor beruflich lange verbundene Grafikerin seufzte einmal: «Warum eigentlich dürfen bei Publikationen zum zeitgenössischen Tanz nie Tanzfotos verwendet werden?» Ihre Kümmernis bezog sich auf den damaligen Trend, alle möglichen Bewegungsphänomene zu zeigen, nicht aber choreografische Szenen auf der Bühne. Die Abneigung gegen Tanz-Illustrationen mag sich...

Die Hoffnungsträger

Neulich bin ich richtig überrascht worden. Die Vorstellung fand in einem leeren Klassenzimmer statt. Wo sonst die Lehrerin steht, spielte eine Frau am DJ-Pult. Die Zuschauer drückten sich an den Wänden entlang, als die mütterlicherseits aus Sri Lanka stammende Sara Mikolai mit verdecktem Gesicht und nacktem Rücken den Raum be-trat, um wie angekündigt ein Ritual zu...

Die Hoffnungsträger

aus Montréal, eigentlich längst eine Veteranin unter den kanadischen Tänzerinnen und Choreografinnen, hat jüngst mit einem Solo-Auftritt in Catherine Gaudets «Pluton, Acte 1», einer Produktion der choreografischen Plattform «La 2e Porte à gauche», überrascht. Sie beginnt ihren Part mit einem Flüstern, das sich zum Brabbeln eines Kleinkindes und schließlich zu...