Jérôme Bel
Jérôme Bel genoss in London eine Retrospektive. Gehört er nicht – wie Meg Stuart, Benoît Lachambre, Xavier Le Roy – zu diesem Konzept-Tanz? Nun, man muss wissen, dass zwischen dem europäischen Festland und den britischen Inseln ein Meer liegt, so weit, dass es weder überbrückbar noch untertunnelbar ist. Es nennt sich: the Taste Gap. Man ist zwar in zwei Stunden in Brüssel und in zweieinviertel in Paris – doch was Flamen und Franzosen auf der Bühne treiben, ist den Briten so suspekt wie Sarkozys Liebesleben. Schlimmer noch: die Deutschen.
«Das ist Spinat, und ich sage zur Hölle damit», schimpfte der Kritiker der Financial Times über Pina Bauschs «Nelken», schien aber nicht ungern zu leiden, kam für «Palermo, Palermo» zurück und stöhnte lauthals durch die Vorstellung in Sadler’s Wells, dass jeder höre, was er von dem Stück hielt: nichts. Nur das Publikum feierte die große Dame des Tanztheaters euphorisch.
Es gibt also noch einen Taste Gap: zwischen Londons Publikum und der Tanzkritik, die sich lieber die dritte oder vierte Besetzung beim Royal Ballet anschaut als ein Stück von jenseits des Kanals. Man will hier schönen Tanz mit Tänzerinnen, die artgerecht angezogen sind – nackte ...
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