Impro goes Punk

Multikünstlerin mit Mission: Einmal mehr bereitet Katie Duck ihren Sommerworkshop vor. In Amsterdam besucht hat sie Ingeborg Zackariassen

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Aufhören? Daran denkt die 1951 in Kalifornien geborene Punk-Ikone der multidisziplinären Kunst und Improvisation nicht im Traum. Katie Duck stellt den Status quo nach wie vor infrage – mit unermüdlicher Schaffenslust. Ihre Amsterdamer Wohnung verfügt über ein Dachgeschoss-Atelier mit wunderschönem Holzfußboden. Der Raum ist zu ihrem Refugium geworden, in dem zweimal pro Woche Künstler*innen zusammenkommen und auch Performances jenseits konventioneller Veranstaltungsorte stattfinden. Seit ihren Anfängen als Kinderdarstellerin ist Duck als Performerin unterwegs.

Als sie 1995 in Amsterdam das legendäre Improvisationskollektiv MAGPIE gründete, war der Auslöser ihre Leidenschaft für multidisziplinäre Improvisation – das Zusammenbringen von Musiker*innen, Tänzer*innen, Schauspieler*innen und Bildenden Künstler*innen. Und ihre Neugier, wie aus spontanen Live-Interaktionen einzigartige Erfahrungen werden können, die es wert sind, mit einem Publikum geteilt zu werden.

Entscheidungen in Echtzeit
Seit 2009 bietet Duck den «Summer Course Amsterdam» an, so auch dieses Jahr im August. Auf eine Sache legt sie dabei großen Wert: Improvisation bedeutet nicht Freiheit. Improvisation, das sind Entscheidungen, die in Echtzeit getroffen werden: «Ich habe Improvisation nie als Gegenpol zur Komposition betrachtet. Das ist dieselbe Disziplin. Wenn man Barockmusik studiert, wird man merken, dass es auch da Improvisation gibt. Es geht um Interpretation und darum, beim Spielen eines Instruments eine eigene Handschrift zu entwickeln. Im Bereich der Performance bedeutet das, Menschen darin auszubilden, kluge Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Da sucht man nicht nach Freiheit. Man sucht nach dem Kompositions-Moment.»

Laut Katie Duck bedeutet Performen, über Interpretation und Technik hinauszugehen und zu einer Transformation zu gelangen. «Es ist eine Disziplin. Man braucht dazu Technik, aber die darf nicht sichtbar sein. Gehen ist Tanzen, und wenn man gut geht, lernt man zu tanzen.» Und sie ergänzt: «Ich finde es toll, wie viele Optionen und Entscheidungsmöglichkeiten man hat. Zufälle. Glückliche Fügungen. Inwieweit können wir so etwas in die Komposition integrieren? Wenn es sich ereignet, ist es magisch, aber die Komposition muss eben auch den entsprechenden Atem haben, damit so etwas passieren kann.»

Raum geben
Die Künstlerin ist der Überzeugung, dass Vertrauen in diesen Prozess unabdingbar ist: «Es geschieht einfach. Ich denke nicht, dass es, in kreativer Hinsicht, ein analytischer Prozess ist. Es geht, glaube ich, eher um Gefühle. Ich denke dabei immer das Publikum mit. Nicht, wie es das Ganze womöglich beurteilt, sondern was ich diese Leute mit mir gemeinsam durchmachen lasse. Man muss ihnen Raum geben.» Denn erst die Menschen im Raum lassen ein Stück lebendig werden. Um diese Magie zu entfesseln, hat Katie Duck in den vielen Jahren ihrer Lehrtätigkeit diverse Methoden entwickelt: «Ich bevorzuge Spiele gegenüber regelbasierten Übungen. Hinterher kann man ein Stück entwickeln, das auf dem beruht, was man beim Spielen gelernt hat.»

Hinhören, sagt sie, sei das Allerwichtigste bei der Arbeit mit Improvisation: «Nimm zur Kenntnis, was du mit deinem Körper tust. Was geht dir dabei durch den Kopf? Wie gelangst du in eine Position, die dich neugierig auf deinen Körper werden lässt?» Anstatt sich in Bewegungshierarchien zu verlieren, setzt sie auf Awareness. Zuhören. Hinhören. Auf den eigenen Körper lauschen, ebenso auf den Raum, der einen umgibt. Nicht auf sie, auf Katie. Sie selbst übt das ebenfalls: «Ich war ein total erfolgloser Hippie. Ich war ein sehr erfolgreicher Punk. Ich sah eine Band, doch anstatt Groupie zu werden, wollte ich mitmachen.»

«Humor muss einfach sein»
Eines betont sie mit Nachdruck: «Ich bestehe auf Humor. Humor muss einfach sein. Schau ins Dunkel, und du wirst den Humor darin erkennen.» Für Katie Duck gehört Lachen dazu. Und Leichtigkeit. Sonst bekommen solche Zusammenkünfte den Touch einer Veranstaltung mit Guru im Mittelpunkt: «Und dafür will ich nicht verantwortlich gemacht werden.» Hinter ihrem rauen Lachen verbergen sich Empfindsamkeit und eine tiefe Sorge um die Gemeinschaft. Duck findet, dass zwischenmenschliche Verbindungen wichtiger sind als alles andere: «Sich zu versammeln, ist die eigentliche Essenz dessen, was diesen Beruf überhaupt erst möglich macht. Wir leben in einer total konservativen Zeit. Idiotische Staatschefs stehen an der Spitze der Regierungen. Wir werden buchstäblich von Psychopathen regiert.»

Um starke Worte ist sie jedenfalls nicht verlegen. Sie sieht mit Sorge, wie Künstlerinnen und Künstler dazu gezwungen werden, ihr Leben zu führen wie ein Unternehmen. Auch die Beantragung von Fördergeldern wird ständig bürokratischer. Katie Duck versucht, die jüngere Generation zu unterstützen und bietet Künstler*innen ohne staatliche Förderung regelmäßig Räume an. «Künstlerin zu sein, ist ein Lebensstil. Das hat Auswirkungen auf alles, was du tust. Pass auf, wenn du falsche Kompromisse eingehst. Ich denke, wenn das Business deine künstlerische Arbeit überschattet, hast du ein Problem. Aber das zu vermeiden, ist höllisch schwer.»

Neuronaler Irrsinn
Trotzdem ist sie überzeugt: «Als Künstlerin spielst du eine wesentliche Rolle in der Gesellschaft.» Und das meint sie vollkommen ernst, auch wenn sie lachend anfügt: «Aber das ist alles bloß neuronaler Irrsinn. Wie kann man mit so was ernsthaft sein Leben bestreiten? Ich mach’s halt einfach. Ich hab’s schon mein ganzes Leben so gemacht. Was wir machen, ist schon ziemlich verrückt. Aber man muss wahrscheinlich ein bisschen verrückt sein. Und wenn du Künstlerin bist, kannst du das nicht aufgeben. Denn du bist eben Künstlerin.»

In Zeiten, in denen Kunst zunehmend zur Handelsware wird, erscheint Katie Ducks Beharren auf Gemeinschaft, Zuhören und dem intrinsischen Wert allen künstlerischen Schaffens so radikal wie notwendig. Mit 74 bringt sie immer noch Menschen zusammen, stellt Räume zur Verfügung und orientiert sich nach vorn – immer noch Punk, immer noch unnachgiebig, immer noch Künstlerin eben.
Aus dem Englischen vor Marc Staudacher

«Summer Course Amsterdam», vom 17. bis 22. August: «Multidisciplinary Workshop» mit Katie Duck, 17., 18. August; Anmeldung: www.summerimpro.com


Tanz Juli 2026
Rubrik: Praxis, Seite 62
von Ingeborg Zackariassen

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