Im Osten nichts Neues
Die russische Geschichte ist in eine neue Phase eingetreten. Auch die Theater: Was in nahezu zwei kompletten Spielzeiten – 2022 bis 2024 – entstanden ist, verblasst angesichts der politischen Ereignisse. Die Intellektuellen, insbesondere diejenigen, die geblieben sind, haben viele offene Fragen. Denn 2023 jährte sich zum 30. Mal die Durchsetzung eines liberalen Reformprogramms und die weitgehende Privatisierung der Wirtschaft in Russland. Auch deren Resultate werfen Fragen auf.
Alle gut Informierten aus der Kulturszene wissen sowieso: Ästhetische Erwägungen werden von politischen Fragen überschattet, ja abgewertet.
Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg
Das Saison-Highlight der Spielzeit 2022/23 am Mariinsky-Theater war «Die Tochter des Pharao» (tanz 5/23) – eine entstehungsgeschichtlich hybride Produktion. Begonnen hatte die Rekonstruktion von Petipas 1861 uraufgeführtem, fast vierstündigem Marathon-Ballett Alexei Ratmansky. Der in den USA lebende, zu Kriegsbeginn in Moskau mit einer Bach-Kreation beschäftigte Choreograf reiste unmittelbar nach dem Überfall aus (tanz 4/22), die für Mai 2022 in Sankt Petersburg angesetzte «Tochter des Pharao»-Premiere ließ er sausen. Der ...
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Tanz März 2024
Rubrik: Report, Seite 52
von Leila Guchmazova
Berlin, 2004. Podewil. Im großen Saal steht eine junge, engagierte, kämpferisch wirkende Frau und kann ihr Glück nicht fassen. Auf vielleicht zwanzig Interessierte hatte sie gehofft. Es kommen über 100 Lehrer*innen aus der ganzen Stadt. Um etwas ganz Neues soll es gehen. Darum, Kindern und Jugendlichen in Schulen Tanz anzubieten. Musik, Kunst, Darstellendes Spiel –...
Das Ende ist ein Fanal, eine Apotheose – der Triumph der Kunst über den Irrsinn der Gegenwart. Vier Buchstaben stehen auf dem LED-Band am Bühnenportal des Leipziger Opernhauses geschrieben: «DUMA». Darunter erstreckt sich ein pechschwarzer Raum, mittendrin ein Pulk Tänzer*innen, deren Textilien schimmern – fahlgraue Silhouetten allesamt. Zu ihren Füßen irrlichtern...
In «Vénus anatomique» widmet sich die Wahl-Luxemburgerin Sarah Baltzinger – scheinbar – dem Phänomen der «Anatomischen Venus». Diese lebensgroßen Wachsfiguren halfen ab dem späten 18. Jahrhundert Generationen von Medizinstudenten dabei, ihren natürlichen Ekel vor offengelegten inneren Organen zu überwinden – die Angst vor dem Tod wurde durch romantische Träumerei...
