Im Augenblick
Jeden Morgen, wenn sie zum Training ins Münchner Nationaltheater geht, spricht sie ein kleines Dankeschön – «ganz leise, ganz für mich». Sozusagen von einer Frau zur anderen. Denn dort, vor dem Konstanze-Vernon-Saal, hängt das Porträt der Namensgeberin und Gründungsdirektorin des Bayerischen Staatsballetts, die seinerzeit den Politikern so lange auf die Füße trat, bis die Herren vor den Rede- und Überredungskünsten der Ex-Ballerina kapitulierten und klein beigaben: Dann halt ein staatliches Etikett für die Pirouettenund-Pas-de-deux-Fraktion der Oper.
Vernon bewirkte nicht nur die Beförderung ihrer Compagnie, sondern rief auch einen nach ihr benannten Preis für exzellenten Nachwuchs ins Leben. Diesen «Konstanze-Vernon-Preis» gewann 2024 eine junge Ballerina, geboren (wie Vernon) in Berlin, ausgebildet ebenda, seit 2019 in Amsterdam engagiert und im Eiltempo auf dem internationalen Radar gelandet: Elisabeth Tonev. Dass sie beim Wettbewerb im November 2024 allerfeinste Konkurrenz – etwa Leroy Mokgatle (tanz 2/25) und Antonio Casalinho (tanz 7/25) – ausstach, erwies sich als Schicksalsentscheidung. Eben dafür steht das kleine, leise Dankeschön ans Konterfei der Preisstifterin. Denn vorstellig wurde: Laurent Hilaire, amtierender Direktor des Bayerischen Staatsballetts und selbst Danseur étoile der Pariser Oper. Mit dem durchaus extravaganten Angebot, als Erste Solistin in München einzusteigen. Wann kommt eine noch nicht einmal 25-jährige Tänzerin schon in eine derartige Versuchung?
Zum Zerreißen gespannt
Jetzt also steht Elisabeth Tonev im Studio unter dem Dach des Münchner Balletthauses und probt ihr Debüt als Tatjana an der Seite von Jakob Feyferlik, der John Crankos «Onegin» gibt. Bei dieser Probe sind die Damen der ausschlaggebende Faktor: Die Ballettmeisterin Judith Turos und Raffaela Renzi, gefragte Expertin, spielen sich vor dem Spiegel die Bälle zu. Beide haben die Tatjana x-mal getanzt, demonstrieren hier einen Sprung, dort eine Promenade, schlüpfen zurück in Haut, Nervosität und Zwiespalt dieser verheirateten Frau, die plötzlich der Liebe ihres Lebens gegenübersteht und weiß, sie kann, darf und wird ihr eigenes Dasein nicht um seinetwillen einreißen. Wie die beiden Ex-Tänzerinnen die junge Kollegin behutsam zu sich selbst führen, ins Herz der Partie hineinwachsen lassen und wie Feyferlik sie dabei unterstützt – das allein ist eine Lektion über die lebendige, atmende Weitergabe einer Traditionskunst. Aber diejenige, die sich mit Haut und Haar hineingibt, die Schritt um Schritt Tatjanas zum Zerreißen gespanntes Seelengewebe in Besitz nimmt, das ist Elisabeth Tonev. Eine Ballerina von zarter, feingliedriger Erscheinung, deren scheinbar unsichtbare Muskelstränge bei aller Elastizität von stählerner Beschaffenheit sein müssen. Anders lässt sich die elfenhafte Leichtigkeit, die technische Finesse ihres Tanzes nicht erklären.
Angefangen hat das alles vor gut zwei Jahrzehnten in einem Berliner Wohnzimmer. Dort bereiten Elisabeths Eltern ihren Unterricht vor: «Das ist meine erste Erinnerung, auch musikalisch – wie sie die Stunden planen.» 1998 haben Julian Tonev und Victoria Lahiguera, beide zuletzt Solisten an der Berliner Staatsoper und vielfältig repertoireerfahren, ihre eigene Schule gegründet. Die Tochter Elisabeth ist das mittlere Kind und zeigt waches Interesse für die elterliche Profession. Anders als ihre Geschwister, die Jura und Medizin studierten. Seinerzeit, erinnert sich Tonev im Gespräch, wechselte der Bruder rasch vom Ballett- ins Kung-Fu-Studio, die Schwester hat sich mit Yoga befreundet. Elisabeth aber steigt ein, nimmt Kurse bei der Mutter und erklärt im Alter von zehn Jahren: «Ich will Tänzerin werden.»
Es folgt: Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule in der offenbar geschätzten Obhut von Viara Natcheva. Wer den kleinen, auf YouTube gespeicherten «Die Flammen von Paris»-Ausschnitt sieht, den die damals 15-jährige Elisabeth bei einer Schulaufführung hinlegt, wird feststellen, dass sich aus dem Teenie-Körper schon damals eine geradezu idealtypische Ballerina herausschält. 2018 schickt Natcheva ihren Schützling zu einem Pariser Workshop mit Andrey Klemm, der auch die Vizedirektorin von Amsterdams Het Nationale Ballet eingeladen hat, Rachel Beaujean (tanz 3/26). Und während Elisabeth Tonev sich beim Interview Tee aus der Thermoskanne nachschenkt, den Blick der dunklen Augen unverwandt aufs Gegenüber richtet und bemerkt: «Ich habe sehr viel Glück gehabt» – ist man sofort geneigt, ihr zu widersprechen. Ganz intuitiv hat Rachel Beaujean das unverkennbare Potenzial dieses Mädchens erkannt und ihr sofort einen Platz in der Juniorcompagnie angeboten. Gibt‘s da überhaupt etwas zu überlegen? Oh ja, denn Elisabeth möchte die Schule zu Ende bringen, Abitur machen – sie ist eben nicht nur bühnenbegabt, sondern auch klug. Tatsächlich ist das Amsterdam-Ticket auch zwölf Monate später noch gültig: Nach einem Jahr bei den Junioren landet die Berlinerin schon 2020 in der Muttercompagnie und legt binnen drei Jahren einen sagenhaften Aufstieg von der Elevin zur Solistin hin.
Resonanz mit dem eigenen Ich
Die Rahmendaten sind das eine, die künstlerische Entwicklung das andere – und Entscheidende. Hans van Manen wird ihr ein Wegweiser, ein Mentor, umgekehrt entdeckt er rasch die Qualitäten der Nachwuchsballerina, besetzt sie in zahlreichen seiner Werke, arbeitet und feilt mit ihr Stunde um Stunde an seinen Choreografien: «Hans hat nicht viel erklärt, es war die Energie, der Fluss und der Austausch, die einen in jeder Probe bereichert haben. Ich habe unglaublich viel von ihm gelernt.» Aber auch von Frauen wie Olga Smirnova, deren menschliche Integrität und Tiefgründigkeit sie faszinieren. Sich selbst zu sein, auch im Rampenlicht, in den Rollen, gerade den weniger zugänglichen, die Facetten aufzusuchen, die einen Resonanzraum mit dem eigenen Ich teilen – für Elisabeth Tonev ist das der Türöffner schlechthin, zur Kunst wie zum Publikum.
Der Wechsel von Amsterdam nach München – «von der zweiten Heimat ins Abenteuer» – hat logischerweise viele Veränderungen mit sich gebracht: anderes Repertoire, neue Leute, ungewohnte Umgebung. Eine gute Viertelstunde braucht die Neu-Münchnerin von der Oper nach Hause, per Tram. Wenn sie nicht gerade probt oder auf der Bühne steht, entspannt sie mit Pilates – oder einem Trip in die Natur, die Berge. Als Kind war sie oft in den Schweizer Alpen, bei Bern, wo ihre Mutter aufgewachsen ist. Heute bleibt dafür kaum Zeit, hat sich Elisabeth Tonev doch seit der Ankunft am Staatsballett jede Menge neuer Rollen erarbeitet. «Giselle», die Louise in John Neumeiers «Nussknacker» und Odette in seinen «Illusionen – wie Schwanensee», demnächst debütiert sie in «La Sylphide» und «Onegin». Strammes Programm, was die Frage aufwirft, ob sie irgendwann loslassen kann. «Sehr oft bei Pas de deux, wenn ich mich wohlfühle, getragen, der Partner vertraut ist. Das ist tatsächlich einer der schönsten Momente überhaupt.» Wobei das Vertrauen in diesem Fall gar keine private Note hat: «Wir zeigen uns doch immer von unserer besten Seite, wie wir uns eben zeigen wollen. Auf der Bühne ist das ganz anders, wir lassen alle sozialen Faktoren beiseite und werden die Person, die wir sind. Die Persönlichkeit, die eine Rolle gestaltet. Ich denke, man lernt einander in der Tiefe kennen – ohne Worte, ohne gesellschaftliche Einflüsse, man geht auf in diesem Zusammenspiel. Das ist großartig.» Keine künstlichen Identitäten
Jakob Feyerferlik, einst ebenfalls bei Het Nationale Ballet unter Vertrag, ist offenkundig ein Pas-de-deux-Favorit, auch Julian MacKay, mit dem Elisabeth Tonev schon etliche Galas bestritten hat. Aber der Partner, mit dem sie es bei ihrem letzten Debüt zu tun bekam, toppt sie alle: ein roter Tisch, ringsum Männer und eine Choreografie, «so einfach wie genial», – Maurice Béjarts ikonischer «Boléro» bringt Elisabeth Tonev regelrecht ins Schwärmen. «Am Anfang bist du ganz allein da oben auf dem Tisch, und dann kommen nach und nach die Männer dazu – das ist eine regelrechte Explosion an Energie. Und eine absolute Power-Position. Du hast die Macht – nach der Premiere haben mir etliche Kolleginnen gesagt, wie sehr sie das beeindruckt hat. Weil es so selten ist. Außerdem gibt es ja kaum Partien, die Männer und Frauen gleichermaßen tanzen können.» Gäbe es eine Rolle aus dem Herrenspektrum, die sie reizen könnte? Elisabeth Tonev zögert nicht lange: «Ludwig II. in John Neumeiers ‹Illusionen› ist eine enorm vielschichtige, auch rätselhafte Figur – sehr reizvoll.» Überhaupt hat sie die Arbeit mit Neumeier als große Bereicherung empfunden, weil er bis ins letzte Detail alles feilt, poliert, sich einem einzigen Schritt, einer kleinen Geste minutenlang widmen kann. Bei allen Unterschieden – der eine narrativ, der andere non-narrativ – empfindet sie die Differenzen zwischen van Manen und Neumeier nicht so scharf wie sie vielen anderen erscheinen: «Für beide ist es enorm wichtig, dass du dir keine künstliche Identität zulegst, sondern eine Partie erschließt mit dem, was du mitbringst.»
Reine Leidenschaft
Der Ansatz hilft vielleicht auch dabei, die Konkurrenzsituation, die sich objektiv nicht vermeiden lässt, subjektiv auszuhebeln. Elisabeth Tonev wirkt im Gespräch frei von Allüren, Verbissenheit scheint ihr fremd, Freundschaften und ein guter Zusammenhalt sind ihr wichtig, auch im Ensemble. Empathie tröstet im Fall des Falles schließlich sogar über schlechtere Tage hinweg: «Auf Insta vermitteln wir natürlich das Bild – alles bestens, alles perfekt. Aber es ist nicht immer einfach, morgens aufzustehen, von zehn bis sechs Uhr zu proben. Mal hast du Schmerzen, mal dauert es viel länger, eine Choreografie zu lernen als gedacht, oder du hängst ewig an einer Stelle fest, und es wird und wird nicht besser.» Umso größer der Vorteil, wenn der Chef selbst herbeieilt und Mut macht. Tatsächlich saust Ballettdirektor Laurent Hilaire, vielfach an Einstudierungen beteiligt, wohl lieber im Studio herum als auf seinem Bürosessel festzukleben – «eine super Unterstützung, nicht nur in tanztechnischen Fragen, sondern weil er uns auch immer wieder daran erinnert, warum wir tanzen. Aus Leidenschaft, aus Liebe. Dafür haben wir uns entschieden.»
München ist in dieser Hinsicht offenbar emotionaler getaktet als Amsterdam, den Principals werden keine Steine in den Weg gelegt, was Kurztrips zu Galaauftritten – «Ich war gerade erst in Japan, vier Tage» – betrifft. Wie kommt man schnell aus dem Jetlag oder abends, nach einer Vorstellung, wieder auf Normalnull? «Es kann Stunden dauern, bis das Adrenalin aus dem Körper ist. Ich gehe gerne nach der Vorstellung was essen und trinke Tee, um schlafen zu können.» Ob sie vom Ballettsaal träumt, von Kreationen, Choreografen und Choreografinnen, mit denen sie arbeiten möchte? Elisabeth Tonev muss nicht lange nachdenken: «Ich würde gerne etwas von Jean-Christophe Maillot tanzen, aber ich glaube, in diesem Leben, diesem Beruf kann von jetzt auf gleich eine Überraschung um die Ecke kommen – siehe München. Deshalb schaue ich einfach von Tag zu Tag.» Ein Privileg der Jugend, aber zugleich eine Eigenschaft, die Elisabeth Tonevs Naturell entspricht. Am Rand der «Onegin»-Probe ploppt im Kopf der Beobachterin die Devise auf, die das Handeln, Leben, Tanzen dieser jungen Frau zu bestimmen scheint: «Embrace the moment».
Im Rahmen der «Ballettfestwoche» des Bayerischen Staatsballetts tanzt Elisabeth Tonev am 1. April in Forsythes «Blake Works I», Teil des Abends «Waves and Circles» (S. 44) sowie am 2. April die Odette in John Neumeiers «Illusionen – wie Schwanensee»; www.staatsoper.de
Tanz April 2026
Rubrik: Menschen, Seite 30
von Dorion Weickmann
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