Ich, Naomi

Einmal mehr geht das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch voran: mit einer fabelhaften Transtänzerin

Tanz

Eine Frau betritt die Bühne. Sonnengelbes, luftiges Kleid. Goldene Pumps. Eine Frau? Stimmt nicht. Eine Transfrau. «Regina Advento», gurrt sie. Und jeder Wuppertal-Liebhaber weiß: stimmt nicht. Das ist nicht Regina Advento. «Erinnern Sie sich, ja?», fragt die noch unbekannte Schöne dann. «Gut. Sehr gut. Und ich, ich heiße Naomi Brito. Ganz einfach: Naomi. Und bitte auch nicht vergessen.» Dann tanzt sie, und spätestens da ist klar: Nein, wir werden Naomi nicht vergessen.

Juni 2022: das Tanztheater Wuppertal bringt Pina Bauschs «Sweet Mambo» neu auf die Bühne.

Das ist der Moment, als sich Naomi Brito als neues Mitglied bei den Frauen der Kompanie der Öffentlichkeit vorstellt. Davor ist sie schon in «Palermo Palermo» als Tänzerin aufgetreten, eine kleine Irritation vielleicht, denn Naomi Brito hat den Körper eines Mannes. Aber in «Sweet Mambo» bekommt sie einen der wichtigsten weiblichen Parts des Stückes: die allererste Szene und lange, betörende Soli. Wie sie ihren Kopf an den hochgestreckten Arm schmiegt, mit der Hand über ihr Gesicht gleitet, als wolle sie jeden dunklen Gedanken fortwischen. Wie sie sich dann wohlig räkelt, in den Raum greift – das ist Bausch-Style at its best. Das ist feminines Charisma, das sich die ganze Bühne nimmt. Endlich. Ein paar Wochen später. Naomi Brito hat eingewilligt, ein Interview zu geben und ihre Geschichte zu erzählen, oder jedenfalls Teile davon. Kein Sommerkleidchen, keine Pumps, keine Schminke. Stattdessen schwarzverwaschene Jeans, weißes T-Shirt, klobige Sneaker. Dazu ein kleines Handtäschchen, goldene Ohrringe, lange schwarze Braids. Die Rastazöpfe sind ganz neu, es sind Extensions, wird sie später verraten. Sie setzt sich, schlägt die Beine übereinander, legt die feingliedrigen Hände elegant auf dem Oberschenkel ab, klappt dann den Oberkörper nach vorne. Zugewandt, aber in Schutzhaltung. Sie macht lange Pausen beim Sprechen, korrigiert sich, zögert. Ein sanft gerauntes «I don‘t know» wird der häufigste Satz in diesem langen Gespräch sein, in Englisch mit weichem brasilianischen Akzent. Eine behutsame, eine höfliche Gesprächspartnerin. Aber versucht man, ihre Aussagen zusammenzufassen, wehrt sie sich gegen das, was ihr Gegenüber in ihr sieht: «Stimmt so nicht.» Nur: Was «stimmt» schon in einer Biografie voller ständiger Abschiede und Neuanfänge?

Warum Wuppertal? 
Ich bin schon lange ein Fan dieses Ortes hier. Schon bevor ich nach Deutschland kam. Brasilien und Pina scheinen irgendwie miteinander verbunden.

Wann haben Sie das Tanztheater zum ersten Mal gesehen? 
Ich glaube mit 16 Jahren. Auf YouTube. 

Der Videochannel war es auch, der Naomi zum Tanzen brachte: mit sechs Jahren im heimischen Wohnzimmer zu Beyoncé-Videos. Plötzlich habe sie eine Sprache gehabt, um sich auszudrücken, denn sie sei eine schrecklich schüchterne Person gewesen. 1997 wird Naomi Brito in Fortaleza im Nordosten Brasiliens geboren. Sie, damals noch «er», wächst in Paracuru auf, einem kleinen Ort am Meer, mit paradiesischen Stränden und Mangroven-Wäldern. Ihre biologischen Eltern hat sie nie kennengelernt, erzählt sie. Ihre Mutter hatte schon zu viele Kinder. So habe ihre Großmutter sie direkt nach der Geburt zu ihrer «Mom» gebracht, einer alleinerziehenden Putzfrau mit drei Töchtern. Keine offizielle Adoption. Ihre «Mom» wollte sie, weil sie immer von einem Sohn geträumt hat.

Haben Sie ihren Traum erfüllt? 
Ich glaube nicht. Ich hatte immer das Gefühl, eine Enttäuschung zu sein. Sie wollte einen Jungen, der sich um sie kümmerte, wenn sie älter würde. Diesen Traum habe ich überhaupt nicht erfüllt.

Haben Sie sich schon als Kind als Mädchen gefühlt? 
Ja, ich mochte Pink, Schuhe mit Absätzen und habe mir ein Tuch um den Kopf gewickelt, um so zu tun, als hätte ich lange Haare. Als ich etwa fünf Jahre alt war, hat mich meine Mom zu einem Psychologen mitgenommen. Ich denke, es war hart für sie. Und für mich war es verwirrend.

Später bringt die Mutter die begabte Mini-Beyoncé zu einer professionellen Ballettschule. Als Naomi 16 Jahre alt ist, will sie zum Wettbewerb «Seminário Internacional de Dança» in der Hauptstadt Brasília. Der Teenager spart ein Jahr lang für die Reise. Dort tanzt Brito männliche Parts aus Handlungsballetten. Vladimir Klos, der Lebensgefährte der damaligen Karlsruher Ballettdirektorin Birgit Keil, entdeckt das Talent und holt Naomi 2014 nach Deutschland, an die Mannheimer «Akademie des Tanzes», die beide leiten.

Wer waren Sie da für die anderen? 
Ein junger schwuler Tänzer.

Und für sich selbst? 
Im falschen Körper. Das, was ich im Spiegel sah, war nicht das, was ich in meinem Inneren fühlte.

Warum haben Sie sich nicht früher geoutet?
Weil ich zehn Jahre meines Lebens damit verbracht habe, ein Kindheitstrauma zu verarbeiten.

Naomi Brito haut jetzt unvermittelt kurz auf den Tisch. Dann lacht sie. Lachen sei ihr Übersprungs-Mechanismus, wenn es zu schwierig wird, erklärt sie. Was damals passiert ist, möchte sie nicht erzählen. Überhaupt kann sie gut Grenzen ziehen, wenn ihr die Fragen zu indiskret werden. «Das sollten Sie uns nicht fragen», sagt sie mehrfach. So bei der Frage nach ihrem früheren männlichen Namen – ein Tabu ...

... Das sollten Sie uns nicht fragen.

«Uns»? Wer ist «uns»? 
Ich spreche von mir selbst manchmal im Plural.

Meinen Sie damit die Trans-Community? 
Nein. Ich glaube, ich bin hier nicht allein. Hier sind viele Naomis, die Sie nicht sehen können. Oder Nicht-Naomis. Die, die tot sind.

Das klingt nicht so, als hätte sich Naomi Brito schon versöhnt mit ihrem früheren Ich. Dunkle Jahre liegen hinter ihr. Depressionen, besonders in der Zeit, als sie mit 19 Jahren an John Neumeiers Ballettschule nach Hamburg kommt. Die Stadt habe Lärm in ihrem Kopf erzeugt. Und man habe ihren Körper verändern wollen. Sie sollte mehr Muskelmasse bekommen, ein kräftiger Kerl werden für die vielen Hebefiguren des Balletts. Für junge männliche Tänzer ein ganz normales Training. Für Brito ganz falsch. Sie sagt:

Das Ballett sortiert Menschen in enge Schubladen. Für mich ist das toxisch. In der Ballettwelt gibt es keinen Platz für Menschen wie mich. Aber auch für alle anderen herrscht dort so starkes Body-Shaming, gibt es strikte Körpernormen, die man erfüllen muss. Und Rassismus. In Brasilien habe ich einmal ein Pas de deux geprobt. Ich legte meine Hände an die Taille der Tänzerin. Der Ballettlehrer sagte: «Fass sie nicht so an, drehe deine Hände mehr nach hinten. Niemand will deine schwarzen Hände an ihrer Taille sehen.» 

Sie sind wütend auf die Kultur des Balletts. Aber die Bewegungsqualitäten müssen Sie doch geliebt haben? 
Nein, sie sind mir egal. Ich liebe sie nicht. Aber ich hasse das Ballett natürlich auch nicht, denn ich habe mein ganzes Leben lang Ballett getanzt. Es ist Teil meiner Identität. Aber was ich am Tanz liebe, ist die Möglichkeit mich auszudrücken.

Es dauert allerdings lange, bis Naomi Brito das darf – und bis sie selbst den Mut dazu findet. Auch als sie 2020 nach Wuppertal kommt, wird sie noch als Mann engagiert. Aber wo, wenn nicht in der Kunst, muss es möglich sein, seine Identität zu wechseln? Über Transgender wird derzeit überall diskutiert. In der Modeszene garantieren Trans-Models wie die Brasilianerin Valentina Sampaio, Hunter Schafer oder Germany‘s-Next-Topmodel-Kandidatin Lucy Hellenbrecht nicht nur schmale Hüften, sondern auch mediale Erregung. Nicht zu vergessen die im vergangenen Jahr verstorbene Trans-Ikone April Ashley, die schon in den 1960er-Jahren die Fashionwelt faszinierte. Auf den Bühnen programmiert man gern Virginia Woolfs «Orlando» und befördert mit «Diversity Companies» und androgyner Ästhetik Trans zum Trend. Aber hinter den Kulissen der Ballettbühnen ist es dann doch nicht ganz so einfach. Schon physisch: Sind Transfrauen nicht oft zu groß und mit ihren stärkeren Knochen auch zu schwer für klassische Pas de deux? Und was ist mit Spitzentanz, den Naomi Brito nie gelernt hat? In einer klassisch orientierten Kompanie hätte sie sicher wenig Chancen als Tänzerin zu arbeiten. Auch deshalb schlägt sie 2020 ein Angebot von Demis Volpi und dem Ballett am Rhein aus.

Die Chinesin Jin Xing war wohl die erste, die diese Begrenzungen der Ballettwelt sichtbar machte – ausgerechnet ein*e Künstler*in aus dem nicht gerade für seine sexuelle Liberalität bekannten China! Bis 1995 hat Jin Xing als Oberst der chinesischen Armee und als einer der besten Balletttänzer des Reichs gelebt. Dann unterzieht sie sich mehreren Operationen. Sie bringt unglaubliche Opfer, um endlich Frau sein zu dürfen. In ihrer 2006 auf Deutsch erschienenen Autobiografie erzählt sie, dass es vor allem der Moderne Tanz war, durch den sie zu sich selbst fand. Für Naomi Brito ist es das Tanztheater Wuppertal.

Vor einem Jahr offenbart sie der Leiterin Bettina Wagner-Bergelt: «Ich werde mich in eine Frau verwandeln.» «Das weiß ich doch», habe die geantwortet. Naomi Brito bricht in Tränen aus. Andernorts, weiß sie, hätte sie entlassen werden können, weil sie trans ist. Ein paar Wochen später stellt sie sich dem Ensemble mit ihrem neuen Namen vor. Aber bevor sie auch vor Publikum endlich mit glamourös femininen Auftritten die binären Kategorien sprengen darf, muss sie noch Orpheus sein, die Zweitbesetzung der männlichen Hauptrolle in Pina Bauschs Tanzoper «Orpheus und Eurydike». Bei Bausch erinnert der liebende Gatte mit seinen unendlich sanften Schmerzens-Gesten eher an eine Jesusfigur – Sinnbild für die überirdische Liebe, die die Menschheit hätte erlösen können jenseits erotischer Begrenzungen. Entsprechend der Leidens-Ikonen-Optik trägt Bauschs Orpheus nichts als eine hautfarbene Unterhose. Das Publikum feiert Brito in dieser Rolle. Sie fühlt anders ...

... Das möchte ich nie mehr tanzen.

Warum? 
Weil es eine männliche Rolle ist, und weil ich dafür fast nackt sein muss. Ich fühle mich topless extrem unwohl.

Pina Bausch hat schon ganz früh, schon 1976, die Männer in Frauenkleidern auftreten lassen. Hat Sie das interessiert? 
Nein gar nicht. Ich bin ja auch kein Mann, der Frauenkleider trägt. 

Ist es ein politisches Statement, wenn Sie auf die Bühne gehen? 
Natürlich. Dass ich hier mit Ihnen sitze, ist ein politisches Statement. Mein Körper ist politisch.

Wie möchten Sie vom Publikum gesehen werden, wenn Sie tanzen: als Frau? 
Nein. Als Transfrau.

Die Philosophin Judith Butler hat 1990 in ihrem Buch über das «Unbehagen der Geschlechter» Frau und Mann zu gesellschaftlichen Konstrukten erklärt und auf der Unterscheidung von biologischem und sozialem Geschlecht beharrt. Für sie werden Sex und Gender diskursiv erstellt und Mann-Frau soziale Räume zugewiesen, in denen sie agieren dürfen – ein Akt der Unterdrückung. Auch heutige Theoretiker*innen wie etwa die US-Biologin und Transaktivistin Julia Serano folgen dem Konzept eines mehrdimensionalen geschlechtlichen Raumes. Andere Biolog*innen, wie jüngst erst Marie-Luise Vollbrecht von der Humboldt-Universität Berlin, beharren dagegen darauf: Geschlecht ist Schicksal, bestimmt von den Geschlechtschromosomen XX oder XY – Ende der Diskussion. Nein, der Streit zwischen «biologischen Determinist*innen» und Gender-Theoretiker*innen wird wohl nie enden. Und mit einer Alice-Schwarzer-Fraktion mischen auch noch die Feministinnen die Debatte auf, wenn sie Transfrauen nicht in spezifisch weiblichen Orten sehen wollen wie Damentoiletten, Frauenhäusern oder in Frauenquoten-Positionen.

Alice Schwarzer ist häufig Zuschauerin beim Tanztheater Wuppertal und dann dank lautstarker Kommentare auch kaum zu überhören und übersehen – was würde sie wohl zu Naomi Brito sagen? «Sie wäre überrascht», lacht Brito, kennt allerdings die Emma-Emanze und ihre Humorlosigkeit in diesen Dingen noch nicht. Immerhin: Seit Kurzem darf sich Naomi in Deutschland ganz legal Naomi nennen, das neue Selbstbestimmungs-Gesetz erlaubt es.

Frauen werden schlechter bezahlt, sie haben es schwerer, Positionen mit Macht und Einfluss zu bekommen, sie werden häufiger Opfer sexueller Übergriffe – sind Sie sicher, dass Sie «Naomi» heißen wollen? 
Ich weiß. Es gibt eine Skala: Weiße Frauen. Schwarze Frauen. Trans. Schwarze Trans. Ich bin also da (sie zeigt nach unten). In Brasilien ist es weltweit am schlimmsten. Es gibt Statistiken dazu. Wir sind das Land mit den häufigsten Morden an Trans-Personen. Wir sind ein schrecklich konservatives Land und Jair Bolsonaro macht alles nur noch schlimmer.

Sie könnten jetzt ein Poster-Girl für die Trans-Aktivist*innen-Szene werden. 
Das bin ich nicht, aber ich möchte betonen: Wir brauchen Role Models. Ich würde mir wirklich wünschen, dass es mehr Menschen wie mich in großen Institutionen gibt.

Sie habe viele Pläne für die Zukunft, sagt Brito. Beim Tanztheater Wuppertal wird sie als Nächstes in der Neueinstudierung von «Água» zu sehen sein. Und sie werde ihr Frau-Sein auch optisch vervollkommnen. Frage: «Mit Operationen?» Brito: «Das sollten Sie uns nicht fragen.» In Sachen Political Correctness sind sich die sichtbare und die unsichtbaren Naomis im Raum offenbar einig. Sie habe sich noch nie so eins mit sich gefühlt wie in ihren Soli in «Sweet Mambo», sagt sie noch mit ein bisschen Wehmut, denn das Stück wird erst mal nicht wieder aufgenommen. Sie liebt es also, betont feminin zu sein? Stimmt. Stimmt nicht.


Tanz Jahrbuch 2022
Rubrik: Vermessung des Tanzes, Seite 73
von Nicole Strecker

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