Ich ist ich
Eine solche Giselle habe ich noch nie gesehen? Nein, es ist keine neue Figur, keine neue Geschichte, nichts, was die eben zur Wili gewordene Bauerntochter aus dem Zauberwald ins Hier und Heute katapultieren würde. Giselle ist Giselle, ist gestorben an zu viel Liebesschmerz fürs schwache Herz und steht nun weiß und unschuldig wie alle Wilis dieser Ballettwelt im Wald und leidet um ihren Albrecht, den Lump. Der Unterschied: Sie tut dies stumm. Was allein noch nichts Besonderes wäre.
Bekanntlich redet Giselle in dem romantischen Ballett von Jean Coralli und Jules Perrot von 1841 nicht und somit auch nicht in der Fassung von Patrice Bart, die der Choreograf 2015 mit dem Ballett Zürich von Christian Spuck auf die Bühne gebracht hat, und die nun unter der Direktion von Cathy Marston wieder aufgenommen wurde. Ungewöhnlich ist: Diese Giselle redet auch nicht mit dem Gesicht, bleibt stumm in ihrem Schmerz, schaut tief ins Innere, wo er vielleicht ein bisschen weniger brennt. Wer weiß. Nur die wunderschön geführten Bewegungen klagen leise, singen wehmütig mit Adolphe Adams Musik.
Das ist Max Richters Rollendebüt als Giselle, die sich nicht vom fröhlich tanzenden und glücklich verliebten ...
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Tanz Jahrbuch 2025
Rubrik: Flow, Seite 24
von Lilo Weber
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