Hirn-Tattoos
Was hat man nicht alles vergessen! So viele Schritte, Tänzer, Choreografien, Performances in den letzten Jahren gesehen, und wer oder was davon hat Spuren hinterlassen? Es ist beschämend. Das allerdings dürften wohl die wenigsten Augenzeugen wieder aus ihrem Kopf kriegen: Eine Frau hämmert sich mit sachten Schlägen einen acht Zentimeter langen Zimmermannsnagel ins rechte Nasenloch. Pock, pock, pock wandert das Stahlstück Richtung Hirn, bis der Stift komplett verschwunden ist. Die Frau ist Florentina Holzinger, blonde Amazone aus Wien mit großer Passion für Schock und Splatter.
Ein Theater des Schmerzes, das die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit verwischt. Ein Theater der Nachhaltigkeit.
Vielleicht liegt gerade besonderer Reiz darin, Unvergessliches zu schaffen, wenn man in einer Kunst arbeitet, die sui generis die Antithese zur Nachhaltigkeit ist. Betritt ein Körper die Bühne, tritt immer auch eine Metapher für Endlichkeit und Verfall auf. Tausende kleiner Zellen sterben minütlich ihren unsichtbaren Tod im Menschen, täglich sollen es rund zehn Milliarden sein. Eine unausweichliche individuelle Apokalypse. Und Endzeitszenarios sind eine Spezialität der Choreografin mit dem ...
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Tanz August/September 2021
Rubrik: Nachhaltigkeit, Seite 48
von Nicole Strecker
Es gibt Träume, die man nachts träumt und die einem nichts anderes antun, als die Konflikte des Tages in den eigenen Hirnwindungen solange mit den Ablagerungen des Gedächtnisses kurzzuschließen, bis man von so viel Nervenkitzel wieder aufwacht. Und es gibt andere Träume, die heimlich die halbe Menschheit träumt. «Star Trek» zum Beispiel war so ein Filmtraum, der...
Nur eine Sekunde, ein minimales Manöver – und wir wissen alles über diese Frau. Geräuschlos tritt sie neben Vater und Sohn, schiebt ihre Hand durch die angewinkelte Armbeuge des Mannes, legt linke und rechte Fingerspitzen kurz aneinander – und zieht sich ins Halbdunkel zurück. Nichts hat diese Lidija mehr erhofft, ersehnt, vom Schicksal erbettelt als das, was...
Seinen ersten Spagat macht Jakob Feyferlik auf der Wickelkommode – allerdings nicht ganz freiwillig. Schwester Viktoria, die dem kleinen Bruder mit Begeisterung die Windeln wechselt und eine Ballettausbildung am Wiener Konservatorium begonnen hat, dehnt die beweglichen Baby-Beine nach allen Regeln des klassisch-akademischen Kanons. Später begleitet der Junge die...
