Hamburg: Gisèle Vienne: «The Pyre»
Der Anfang ist eine Novelle, der Schluss ein Scheiterhaufen. Ein Kind scharrt in der Asche und versetzt dem weiß verkohlten Körper seiner Mutter leichte Tritte. Qualm steigt auf. Wortlos, hilflos ist der Sohn. Die Mutter wirkt wie verbrannt in der Hölle der Einsamkeit. Im ersten Bild erhebt sie sich langsam, sinnlich, sexy, wie psychedelisch, dann wie verzweifelt. Sie findet zu sich selbst und verliert sich sofort im Nichts. Im Boden gespiegelt, scheint sie auf Stelzen zu gehen. Als Tänzerin lebt sie einen Traum, der auf der Tanzfläche eines Clubs verendet ist oder in einer Peep-Show.
Da flimmern LEDs wie Trugbilder eines nie stattgefunden habenden Daseins, das nun an ihr vorbeizieht, während sie durch einen schwarzen Tunnel ins Jenseits zu rutschen scheint. Anja Röttgerkamp wirkt geradezu irreal. Dann erscheint der Zwölfjährige, und man kann höchstens erahnen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.
«The Pyre» (Der Scheiterhaufen), liest sich das nicht wie eine Fortsetzung von «This is how you will disappear», dem Titel eines Stücks von Gisèle Vienne aus 2010? Die Novelle von Dennis Cooper, die eingangs an das Publikum verteilt wird, liefert Deutungshilfe. Man sollte sie aber ...
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Tanz August/September 2013
Rubrik: kalender und kritik, Seite 48
von Thomas Hahn
Das Begehren – eine reine Fantasie, eine immaterielle Idee, die zur körperlichen Qual wird. Die vielleicht lustvollste Form von Folter. Für Jefta van Dinther ist das Begehren eine Kraft, aus der Bewegung und Choreografie entstehen. «This is concrete» heißt seine aufregende Studie zum Verlangen. Aber bis es wirklich «konkret» wird und zur Sache geht, dauert es.
Dar...
Die Bühne ist mit Schachteln, Boxen und einem Kartonhaus vollgeräumt, alle in Maßarbeit hergestellt und ausgeklügelt arrangiert. Eins dieser Pappgebilde, menschenhoch und turmschlank, bewegt sich. Aus einer Klappe in Kopfhöhe fährt ein Megafon, das Atem- und Störgeräusche spuckt. Der Turm wankt, hüpft, hoppelt davon, eine Hand fährt heraus, greift zu einem...
natürlich________
kann man zu jeder Musik, zu jedem Klang, zu jedem Geräusch irgendeinen Schritt setzen. Aber ist das Choreografie? John Neumeier, soeben für sein 40. Jubiläum am Hamburg Ballett gefeiert, bezweifelt das. Im Interview (ab Seite 74) erklärt er Choreografie als «dieses geheimnisvolle Finden eines Pendants zu einer Musik, das nicht identisch ist mit...
