Grenzlandtheater

Eine Grenze trennt nicht nur Länder. Auch zwischen Bühne und Parkett, auch zwischen den Sparten des Theaters existieren Grenzen. Mit nationalen Schlagbäumen haben sie mehr gemein, als man denkt

Der palästinensische Filmemacher Khaled Jarrar begleitet mit der Kamera eine Familie auf ihrer Flucht nach Deutschland. Als sie die Insel Lesbos erreicht und weiter aufs Festland will, scheitert Jarrar. Die laufende Kamera in der Hand, versucht der Künstler, mit an Bord der griechischen Fähre zu gelangen. Er zeigt seinen Pass, er zeigt sein eingeklebtes Schengen-Visum. Er kommt nicht rein. Es ist ein Flüchtlingsschiff. Ein Schiff für Menschen ohne Papiere. Später wird er seinen Pass stets gut verstecken, um von der Gruppe nicht noch einmal getrennt zu werden.

Nadira, die Älteste der Familie, floh schon einmal, 1948. Geboren in Nazareth, Palästina, war sie in jungen Jahren nach Syrien gewandert. Der Krieg heute macht es unmöglich, dort länger zu leben. Der Krieg hat ihren Pass in ein wertloses Stück Papier verwandelt. Nadira und ihre Familie sind nun Illegale, «blinde Passagiere». Blind, weil die Sehenden sie nur dulden. Alles, was ihnen ab jetzt geschieht, hängt nicht länger von ihrer Person ab. Es hat mit den zwei Papierstücken zu tun, die sie nicht besitzen. Den Pass. Die Fahrkarte. Nur die Kombination aus beidem, wir haben uns längst daran gewöhnt, verleiht das Recht zu reisen. ...

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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Politik: Unter Spannung, Seite 28
von Arnd Wesemann

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