Feier des Primitiven

Die Tanzmoderne des 20. Jahrhunderts gilt bis heute als Bruch und Befreiung vom Traditionsballast. Dabei trat sie stillschweigend ein Erbe an, das der Kolonialismus nach Europa brachte

Dem Tanz haftet – vielleicht wie keiner anderen Kunstform – der Nimbus einer universellen Sprache an. Grenzüberschreitend soll er die Menschheit verbinden und – so die Mission des Welttanztages der UNESCO – zum Weltfrieden führen. Der 29. April dient alljährlich dazu, «alle Formen des Tanzes an diesem Tag zu vereinen, den Tanz zu feiern, seine Globalität hervorzuheben und alle Grenzen von Politik, Kulturen und ethnischen Zugehörigkeiten zu überwinden. Die Menschen sollen durch eine gemeinsame Sprache – die des Tanzes – in Frieden und Freundschaft zusammengeführt werden.

»

In der Tat zeichnet sich der Tanz durch Globalität und eine hohe Mobilität seiner Akteure aus. Betrachtet man die Theaterlandschaft in Deutschland, ist wahrscheinlich keine andere Sparte so international besetzt. Während das bundesdeutsche Sprechtheater generell noch weit davon entfernt ist, in Ensemble und Mitarbeiterstab die Vielfältigkeit der deutschen Gesellschaft widerzuspiegeln, ist im Gegensatz dazu noch die konservativste Ballettkompanie ein Musterbeispiel an Diversität.

Doch wie steht es mit der ästhetischen Vielfalt des Tanzes? Ermöglicht der Tanz wirklich – wie der Welttanztag behauptet – eine von ...

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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Ästhetik: Ins Offene, Seite 96
von Eike Wittrock

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